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Verfasst von: Christoph Jaschke

Wohngruppe für Beatmete: Pro & Contra

10.06.2016

Der diesjährige 24. Jahreskongress der Deutschen interdisziplinären Gesellschaft für außerklinische Beatmung (DIGAB) e.V. in Bamberg bot eine Fülle an Themen. Ich möchte heute ein Thema herausgreifen, das am 2. Juni unter der Leitung von Dr. Jens Geiseler (Marl) stattfand. Oliver Jünke aus Berlin, Dr. Peter Demmel vom MDK Bayern und ich diskutierten das Pro & Contra von Wohngruppen für Beatmete. 

Den Part, dass Wohngemeinschaften für Menschen mit Beatmung eine gute Alternative zur häuslichen Versorgung darstellen, übernahm ich in dieser Diskussionsrunde. Die Argumente, die für Wohngemeinschaften sprechen, sind bekannt. Haben wir Anbieter ambulanter Pflege außerklinisch beatmeter Menschen angesichts des Fachkräftemangels überhaupt noch eine Wahl? Schon jetzt ist es kaum möglich, sofort einen Klienten in eine 1:1-Versorgung zu übernehmen. Wartezeiten von einem halben Jahr sind keine Seltenheit. In Wohngemeinschaften ist dies anders, weil es das Pflegeteam vor Ort schon gibt. Man ist auch flexibler in der Dienstplangestaltung und hat die Möglichkeit, neue Mitarbeiter auszubilden.

Wohngemeinschaften sind für mich aber nur dann die bessere Option zur häuslichen Versorgung, wenn alle Voraussetzungen dafür gegeben sind, dass die Bewohner darin ihr Leben so weit wie möglich selbst gestalten können und sie sich wohlfühlen. Dazu gehört, dass die Räumlichkeiten groß und natürlich barrierefrei sind, dass jeder Bewohner ein Einzelzimmer hat, dass eine gute Verkehrsanbindung vorhanden ist, dass es im Gemeinschaftsbereich eine geräumige Küche mit Esszimmer gibt, in der gemeinsam mit Freunden und Verwandten gekocht, gegessen und gefeiert werden kann. Eine Wohngemeinschaft ist immer dann eine Verbesserung, wenn der Betroffene z.B. aufgrund baulicher Gegebenheiten nicht mehr in der eigenen Wohnung leben kann oder wenn andere Faktoren gegen den Verbleib in den eigenen vier Wänden sprechen.

"Nein, das Leben in einer Wohngemeinschaft ist nichts für mich", betonte Oliver Jünke, der an ALS erkrankt ist und nach einem Aufenthalt in einer WG in seine eigene Wohnung zurückgekehrt ist. Seine Gründe, dieses Leben dem Gemeinschaftsleben vorzuziehen, decken sich mehr oder minder mit den Aussagen der Bewohner von Studenten- oder Senioren-WGs: Kleinigkeiten wie Rauchschwaden, nicht gespültes Geschirr, zu laute Musik, u.v.m. können im Laufe der Zeit große Störfaktoren werden. Hinzu kommt in WGs für Menschen wie Oliver Jünke jedoch, dass sie völlig davon abhängig sind, wie viel Pflegepersonal vor Ort ist. "Noch nie habe ich so viel Zeit im Bett verbringen müssen wie in der Zeit, als ich in einer Wohngemeinschaft lebte", sagte Jünke. Es war eben keine Pflegekraft da, um ihn zu begleiten, ihm zu assistieren, ihm ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Deshalb sollte jeder, der erwägt, ein eine WG einzuziehen, dies zuerst einmal testen.  

Dr. Peter Demmel hat als MDK-Vertreter schon viele Wohngemeinschaften in Bayern gesehen, wo es derzeit 116 IntensivWGs mit 640 Plätzen gibt. Die Tendenz ist steigend, und die Qualitätsunterschiede sind enorm. Deshalb seien, so der Redner, bundesweit klar definierte Rahmenbedingungen hinsichtlich der Gewährleistung der speziellen Krankenbeobachtung, des Personals (Qualifikation sowie Personalschlüssel), der baulichen Voraussetzungen, des Notfallmanagements und der Hygiene dringend erforderlich.

Einen Personalschlüssel von 1:3, wie ihn die Kassen derzeit vorgeben, halte ich im Interesse der Betroffenen für fragwürdig. Denn jeder Klient hat eine andere Erkrankung und/oder Behinderung, und es gibt Bewohner, für die auch in einer WG eine 1:1-Betreuung nötig ist. Die Festlegung auf 1:3 wird deshalb vielen Betroffenen nicht gerecht. Der Personalschlüssel ist Folge des Kostendrucks, unter dem die Leistungsträger stehen. Aber wir sind ein reiches Land, und die besonders schwer erkrankten und vielfach völlig hilfebedürftigen Menschen dürfen nicht Opfer des Kostendrucks werden. Sie haben ein Grundrecht auf ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben wie alle anderen auch. Deshalb: Hut ab vor dem Mut von Oliver Jünke!

Noch ein anderes Fazit ziehe ich aus der Diskussion: Der Kostendruck darf nicht dazu führen, dass irgendwann die 1:1-Versorgung verschwinden. Denn dann werden ihm irgendwann auch die Wohngemeinschaften zum Opfer fallen und es wird nur noch Kleinstheime geben. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis wir wieder bei großen stationären Einrichtungen sind! Und das wäre für die Betroffenen ein Rückschritt ins vergangene Jahrhundert!

Moderator Dr. Jens Geiseler verwies zum Abschluss der Diskussion auf die Deutsche interdisziplinäre Gesellschaft für außerklinische Beatmung (DIGAB) e.V., die in Kürze Standards für mögliche Versorgungsformen, u.a. für Wohngemeinschaften, herausgeben wird.

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Christoph  Jaschke
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