Palliativversorgung
Pilotprojekt gibt neue Impulse für die Sterbebegleitung
Die Hospiz Stiftung Braunschweig und der Verein Hospizarbeit Braunschweig starten ein zweijähriges Pilotprojekt zur ambulanten Sterbebegleitung in Pflegeeinrichtungen. Neun Ehrenamtliche haben den ersten Vorbereitungskurs abgeschlossen. Ziel ist ein übertragbares Konzept, das die Begleitung Sterbender in der Langzeitpflege dauerhaft verankert – als Ergänzung zur Pflege, nicht als Ersatz.
Ambulante Sterbebegleitung findet bislang überwiegend im häuslichen Umfeld statt. In stationären Senioren- und Pflegeeinrichtungen erfolgt sie nur vereinzelt – obwohl viele Bewohner:innen dort ihre letzte Lebensphase verbringen, häufig ohne enge soziale Kontakte. Angehörige leben weit weg, Bekannte sind teilweise bereits verstorben. In der Praxis bleibt die Begleitung dann am Pflegepersonal hängen, das zwischen Zeitdruck und Verantwortung agiert.
Wie hoch der Bedarf ist, verdeutlichen Zahlen aus dem Senioren- und Pflegezentrum Bethanien, Braunschweigs größter Einrichtung: Bei 202 Plätzen gab es im vergangenen Jahr über 400 Aufnahmen. Einrichtungsleiterin Stefanie Rutsch spricht von hoher Fluktuation und einer hohen Sterberate im Haus. Eine zusätzliche Begleitung durch Ehrenamtliche sei ein Gewinn für Bewohner:innen, Angehörige und Mitarbeitende.
Das Vorhaben trägt den Titel „Gemeinsam begleiten. Bis zuletzt.“ und wird gemeinsam mit den Senioren- und Pflegezentren Bethanien und St. Vinzenz umgesetzt, beide Teil der Evangelischen Stiftung Neuerkerode (esn). Die Auswahl der Bewohner:innen erfolgt durch die Pflegekräfte in Absprache mit den Angehörigen. Anschließend wird eine Sterbebegleitung beim Hospizverein angefragt.
Anders als bisherige Modelle setzt das Projekt auf einen frühen Beginn der Begleitung. „Der Gedanke ist, eine Vertrauensbasis aufzubauen und die Menschen über einen längeren Zeitraum zu begleiten“, erklärt Projektmitarbeiterin Iris Peppler. Die Erfahrungen aus dem Pilot sollen in ein Konzept einfließen, das den Einsatz ehrenamtlicher Begleiter:innen nachhaltig in den Einrichtungen etabliert.
Der neue Kurs unterscheidet sich vom bisherigen Angebot durch Besuche in den Häusern und spezielle Schulungsinhalte zu demenziellen Veränderungen. Rund 140 Ehrenamtliche engagieren sich derzeit im Verein Hospizarbeit Braunschweig, etwa die Hälfte davon in der Sterbebegleitung.
Manuela Malitzki, GVP-Beraterin (Gesundheitliche Versorgungsplanung) und Palliativbeauftragte in beiden Einrichtungen, bildet derzeit die Schnittstelle zwischen Pflege und Hospizarbeit. Sterben in einer Pflegeeinrichtung könne einsam sein, sagt sie. Dr. Rainer Prönneke, langjähriger Palliativmediziner am Krankenhaus Marienstift, heute im SAPV-Team der Diakoniestationen Harz-Heide und Vorsitzender des Landesstützpunkts Hospizarbeit und Palliativversorgung Niedersachsen, verweist auf den hohen Druck auf Pflegende. Ehrenamtliche könnten eine Lücke schließen – durch Zuhören, Dasein, das Halten einer Hand.
Getragen wird das Projekt finanziell von der Hospiz Stiftung für Braunschweig. Das Pilotprojekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt, die Strukturen sollen laut Peppler aber dauerhaft bestehen bleiben. Erste Kennzahlen deuten auf Wirkung hin: Bis zum Jahresende werden voraussichtlich 40 Prozent mehr Begleitungen in stationären Einrichtungen durch die Hospizarbeit Braunschweig stattgefunden haben als vor Projektstart. Prönneke sieht darüber hinaus Potenzial für eine Übertragung: Das Modell könne für ganz Niedersachsen taugen, der Bedarf werde mit der demografischen Entwicklung weiter steigen. (ck)
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