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Junge Pflege am Sund: Selbstbestimmt statt fehlplatziert

Jüngere pflegebedürftige Menschen fallen im bestehenden Versorgungssystem oft durch das Raster: Für das Pflegeheim sind sie zu jung, für ein Leben allein in der Häuslichkeit häufig zu stark auf Unterstützung angewiesen. Mit der „Jungen Pflege am Sund“ in Stralsund schließt die Diakonie-Pflegedienst gGmbH in Vorpommern eine Versorgungslücke und eröffnet Potenziale für Andere.

Der ambulante Dienst ist direkt im Gebäude untergebracht Foto: Asim Loncaric

Von Asim Loncaric

Am Morgen wird in der „Jungen Pflege am Sund“ erst einmal Kaffee getrunken. Nicht als Programmpunkt, sondern weil es sich so ergeben hat: Ein Bewohner kommt kurz vorbei, Pflegedienstleiterin Kathrin Höner zu Guntenhausen beginnt ihren Dienst, beide setzen sich zusammen. Es ist eine kleine Szene, aber sie sagt viel über das Konzept dieses Hauses in Stralsund. Denn hier geht es nicht um starre Abläufe, sondern um Alltag, Beziehung und Selbstbestimmung.

In einem modernen Neubau in der Heinrich-Mann-Straße in Stralsund sind Wohnungen für pflegebedürftige Menschen zwischen 18 und 65 Jahren entstanden, ergänzt um Pflegeappartements für Kurzzeit-, Urlaubs- oder Verhinderungspflege. Der ambulante Dienst ist direkt im Gebäude untergebracht. Das Konzept: selbstbestimmtes Wohnen in den eigenen vier Wänden, verbunden mit professioneller Unterstützung, sozialer Teilhabe und einer verlässlichen Ansprechperson vor Ort.

Junge Pflege braucht andere Konzepte

Auf ihrer Website wirbt die Diakonie mit Formulierungen wie „Kein Heimcharakter“, „Gestalte Dein Reich“ und „Lebe Dein Leben“. Im Gespräch mit Kathrin Höner zu Guntenhausen wird deutlich, dass diese Begriffe konzeptionell ernst gemeint sind. Die Bedürfnisse jüngerer Pflegebedürftiger, sagt sie, unterschieden sich deutlich von denen klassischer Altenpflegeklientel: „Die Pflege von jungen Menschen ist noch mal anders als von älteren Herrschaften. Die Kommunikation ist ganz anders, die Bedürfnisse sind ganz anders.“

Aktuell umfasst das Angebot zwölf Wohnungen sowie drei möblierte Pflegeappartements. Acht Menschen leben bereits im Haus, der Altersdurchschnitt liegt bei rund 40 Jahren, der älteste Bewohner ist 56. Die Pflegegrade bewegen sich überwiegend im mittleren Bereich, Voraussetzung für den Einzug ist mindestens Pflegegrad 1. Die Grundidee ist dabei nicht Versorgung rund um die Uhr im stationären Sinne, sondern ein ambulant getragenes Wohnmodell: mit eigener Wohnung, individuell vereinbarten Leistungen und einer engen Anbindung an den Pflegedienst.

Gemeinschaft statt fester Tagesstruktur

Auch die Gemeinschaftsfläche mit Küche im Erdgeschoss folgt diesem Ansatz. Sie ist bewusst keine klassische Tagespflege mit festem Tagesablauf. Gabriele Schumacher, Geschäftsführerin der Diakonie-Pflegedienst gGmbH in Vorpommern, spricht von einem „gemeinsamen Wohnzimmer“. Dort wird nicht einfach ein Programm abgearbeitet. Der Raum soll offen sein für Begegnung, kleine Veranstaltungen, Angehörige, ambulante Klienten und Kooperationen im Quartier.

Damit verschiebt sich auch die fachliche Perspektive. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Körperpflege und Behandlungspflege, sondern Fragen der Alltagsorganisation, Selbstständigkeit und sozialen Teilhabe. Höner zu Guntenhausen beschreibt das Konzept ausdrücklich als Gegenmodell zur eng getakteten „Minutenpflege“. Es gehe darum, Bedarfe zunächst gemeinsam zu ermitteln und Leistungen dann so anzupassen, dass Bewohner möglichst viel selbst übernehmen können.

Das zeigt sich an vielen kleinen Situationen. Ein Bewohner wollte ausprobieren, ob er den Müll im Rollstuhl allein hinausbringen kann. Statt ihm die Aufgabe abzunehmen, blieb das Team in Rufweite. Am Ende schaffte er es selbst – und gewann damit ein Stück Sicherheit zurück. Solche Momente wirken unspektakulär, sind aber fachlich zentral: Sie markieren den Unterschied zwischen Versorgung und Befähigung.

Ähnlich verhält es sich mit den sozialen Angeboten. Ein Hund der Pflegedienstleiterin wird zum Türöffner, gemeinsames Kochen senkt Hemmschwellen, mittwochs tauschen sich die Bewohner über ihre Woche aus. Geplant sind außerdem Kooperationen mit einem Pferdehof und Gartenprojekte. Das Ziel ist nicht Beschäftigung um der Beschäftigung willen, sondern ein Alltag, der Kontakte fördert und Rückzug aufbricht.

Soziale Teilhabe als pflegerische Aufgabe

Denn genau darin liegt ein Teil der Problemlage. Viele der Bewohner, berichtet Höner zu Guntenhausen, hätten vor dem Einzug kaum soziale Kontakte gehabt. Manche lebten lange bei den Eltern, andere waren nach Krankheit oder Unfall auf sich selbst zurückgeworfen. Das Angebot soll daher nicht nur pflegerisch entlasten, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe wieder ermöglichen.

Eine wichtige Rolle spielen die Familien. In vielen Fällen haben Eltern die Versorgung über Jahre getragen und stoßen nun selbst an Grenzen – nicht unbedingt erst dann, wenn akute Überlastung eintritt, sondern oft schon aus Sorge vor der Zukunft. Was passiert, wenn Mutter oder Vater selbst pflegebedürftig werden? Was, wenn sie irgendwann nicht mehr da sind?

Für genau diese Situation wird die „Junge Pflege am Sund“ offenbar nachgefragt. Angehörige bleiben einbezogen, geben aber Verantwortung ab, ohne das Gefühl zu haben, ihr Kind in ein unpassendes System zu überführen. Nach Angaben der Pflegedienstleitung engagieren sich manche Eltern sogar aktiv im Haus, organisieren Filmabende oder unterstützen gemeinsame Aktivitäten.

Auszeichnung für innovatives Pflegekonzept

Für die Junge Pflege am Sund wurde das Unternehmen im Oktober 2025 bei der Verleihung des Altenpflegepreises MV mit einer Sonderauszeichnung geehrt. Das Sozialministerium und der Landespflegeausschuss würdigten damit den innovativen Charakter des Projekts: Mit dem neuen Konzept werde eine „junge Alternative für eine Zielgruppe geschaffen, die bisher noch nicht so sehr im Fokus stand und stellt aus Sicht der Jury eine echte Erweiterung der Pflegelandschaft hier in MV dar“, sagte Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) zur Begründung.

So überzeugend das Modell fachlich erscheint, so nüchtern fällt die wirtschaftliche Einordnung aus. Schumacher macht keinen Hehl daraus, dass sich ein solches Angebot nicht als isoliertes Kleinprojekt rechnen würde. Tragfähig werde es erst im Verbund mit einer bestehenden Sozialstation und weiteren ambulanten Leistungen. In Stralsund ist genau das der Fall: Der Dienst versorgt zusätzlich rund 90 bis 100 ambulante Klientinnen und Klienten in der Region. Infrastruktur, Einsatzplanung und Verwaltung lassen sich dadurch gemeinsam nutzen.

Die Bewohner zahlen Miete, Nebenkosten und eine Betreuungspauschale; hinzu kommen die individuell vereinbarten Pflegeleistungen. Laut Pflegedienstleitung liegt die monatliche Grundmiete bei rund 650 Euro, darin enthalten sind etwa 150 Euro Betreuungspauschale. Die Miete sei bewusst niedrig kalkuliert, damit das Angebot auch für Menschen mit Sozialhilfeanspruch erreichbar bleibt.

Hohe Nachfrage trifft auf bürokratische Hürden

Gleichzeitig zeigt sich: Nachfrage ist nicht automatisch gleich Belegung. Pro Woche gehen nach Angaben aus dem Haus zehn bis 15 Anfragen ein. Doch sozialrechtliche Klärungen, Kostenzusagen und Antragsverfahren verzögern häufig den Einzug. Vollbelegung ist deshalb nicht allein eine Frage des Bedarfs, sondern auch der Bürokratie.

Schumacher leitet das Unternehmen seit 2002. Nach eigenen Angaben ist die Diakonie-Pflegedienst gGmbH an 19 Standorten aktiv und zählt zu den größeren ambulanten Anbietern in Vorpommern. Die Idee, neue Versorgungsformen jenseits der klassischen Altenpflege zu entwickeln, begleitet sie seit Jahren. In Greifswald gibt es bereits ein gemischtes Wohnmodell für jüngere und ältere pflegebedürftige Menschen; Stralsund ist nun die klarer fokussierte Variante.

Bemerkenswert ist, dass das Projekt bislang vor allem Männer anzieht – sowohl auf Bewohner- als auch teilweise auf Mitarbeiterseite. Warum Frauen das Angebot seltener nutzen, können die Verantwortlichen derzeit selbst noch nicht eindeutig beantworten. Auch das gehört zu den offenen Fragen eines Modells, das sich ausdrücklich als Lernprojekt versteht.

Pflege für jüngere Erwachsene neu gedacht

Die übergeordnete Botschaft ist dennoch klar: Pflegebedürftigkeit im jüngeren Erwachsenenalter braucht andere Antworten als das klassische Heim oder die dauerhaft überforderte Häuslichkeit. Die „Junge Pflege am Sund“ versucht, genau diesen Zwischenraum zu besetzen – mit einem ambulanten Setting, das Wohnen, Teilhabe und Sicherheit zusammenführt.


https://jungepflege.diakonie-pflegedienst.de