33 Jahre Häusliche Pflege

Future Lab

Im Jahr 2025 feiert die Zeitschrift Häusliche Pflege ihren 33. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat die Redaktion im September Expertinnen und Experten aus der ambulanten Pflege in das Verlagshaus in Hannover eingeladen, um im Rahmen eines Future Labs Ideen, Wünsche und Forderungen für die Zukunft der häuslichen Versorgung zu erarbeiten.

Das war das Häusliche Pflege Future Lab!

Die Ergebnisse im Text-Rückblick:

33 Jahre Häusliche Pflege: Future Lab entwirft Branche der Zukunft

Beim Jubiläums-Workshop entwickelten Expert:innen konkrete Visionen für eine selbstbewusste und zukunftsfähige ambulante Pflege.

Anlässlich des 33-jährigen Bestehens der Fachzeitschrift „Häusliche Pflege“ versammelten sich am 30. September 2025 rund 30 Branchenexpert:innen bei Vincentz Network in Hannover zum „Häusliche Pflege Future Lab“. Die Teilnehmer:innen – darunter Pflegeunternehmer:innen, Wissenschaftler:innen, Rechtsexpert:innen und Berater:innen – entwickelten in intensiven Workshops konkrete Zukunftsvisionen für die ambulante Pflege. Das Ergebnis war ein klarer Aufruf zu mehr Selbstbewusstsein und strukturellen Reformen. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Softwareanbieter Bärcare.

Raus aus der Opferrolle – rein in die Stolzkultur

„Wir feiern heute 33 Jahre Pflegenotstand“ – mit diesem provokanten Tagesmotto brachte Prof. Ronald Richter die zentrale Botschaft des Future Labs auf den Punkt. Die ambulante Pflege müsse endlich aus der permanenten Opferrolle herausfinden und mit „breiter Brust“ in die Öffentlichkeit treten, statt ständig über Probleme zu klagen. Das Geld für eine gute Pflege sei durchaus vorhanden, wenn man die prozentuale Verteilung des Bruttoinlandsprodukts betrachte.

Diese neue Haltung durchzog alle Arbeitsgruppen. Die Expert:innen waren sich einig: Die Pflege muss politisch und gesellschaftlich als eigenständige Berufsgruppe eine viel stärkere Rolle spielen. Dabei geht es nicht nur um bessere Außendarstellung, sondern um eine fundamentale Änderung der Selbstwahrnehmung. Statt sich den Gegebenheiten hinzugeben, sollen Pflegeunternehmen aktiv gestalten und auch unpopuläre Entscheidungen treffen – etwa die Trennung von Mitarbeiter:innen, die nicht ins Team passen, oder von Klient:innen, die nicht zur Unternehmenskultur passen.

Führung als Dienstleistung neu definieren

In der Führungsdiskussion wurde ein erhebliches Kompetenzdefizit identifiziert. Viele Führungskräfte bringen zwar fachliche Qualifikationen mit, aber keine echten Führungskompetenzen. Das Problem beginnt bereits bei den vertraglichen Anforderungen, wo oft nur eine Fachkraft gefordert wird, das Wort „Führung“ aber fehlt. Hier müsse umgedacht werden – auch Betriebswirt:innen oder Studierte anderer Fachrichtungen sollten Führungspositionen übernehmen können.

Besonders problematisch ist die weit verbreitete Selbstausbeutung von Führungskräften. Bevor ein Mitarbeiter:in zum dritten Mal gefragt wird, ob er:sie eine Tour fahren kann, springen sie selbst ein. Ein:e Teilnehmer:in berichtete sogar von Prämien für Führungskräfte, die nicht einspringen – ein Ansatz, der zwar problematisch erscheint, aber manchmal notwendig ist, um Führungskräfte zu ihrer eigentlichen Aufgabe zu zwingen.

Die Vision für 2035 sieht Führung als Dienstleistung am Menschen. Führungskräfte müssen zuhören, verstehen und sich kontinuierlich weiterbilden – Aspekte, die heute oft vernachlässigt werden. Während von Mitarbeiter:innen jährlich 10-20 Stunden Weiterbildung verlangt werden, vernachlässigen Führungskräfte oft ihre eigene Entwicklung. Wichtig sei auch eine gesunde Fehlerkultur und der Mut zur Kontrolle, verbunden mit Offenheit gegenüber neuen Mitarbeiter:innen, die durchaus konstruktive Kritik äußern können.

Personal: Schluss mit der Erpressbarkeit

Die Personalarbeit muss sich grundlegend wandeln. Unternehmen sollen aus der Rolle herauskommen, erpressbar zu sein, nur weil Fachkräfte knapp sind. Das bedeutet konkret: mutiger werden bei Personalentscheidungen und nicht jede:n nehmen, nur weil der Markt angespannt ist. Gleichzeitig wurde ein paradoxer Effekt der Tariftreue diskutiert – viele Mitarbeiter:innen reduzierten ihre Arbeitszeit, da sie mit weniger Stunden das gleiche Gehalt wie früher verdienten.

Die Arbeitsgruppe sah auch Potenzial im zweiten Arbeitsmarkt und bei der Beschäftigung von Rentner:innen. Wichtig sei, Arbeitsprozesse anzubieten, die ältere Mitarbeiter:innen noch bewältigen können, um deren Erfahrungswissen und Menschlichkeit zu nutzen. Ein weiterer Fokus lag auf der Befähigung von Pflegefachkräften zu Leitungsaufgaben, wobei sich die Frage stellte, ob diese mit dem nötigen „Handwerkszeug“ aus der Ausbildung kommen.

Digitalisierung: IT als Diener, nicht als Hindernis

Bei der Digitalisierung standen praktische Lösungen im Vordergrund. Die zentrale Botschaft war klar: „Die IT ist nicht alles, aber ohne IT ist auch alles nichts.“ Technologie soll den Pflegeunternehmen dienen und nicht zum Hindernis werden. IT soll Prozesse verbessern und verstehen – wenn sie das nicht tut, müssen Unternehmen mit ihren Hersteller:innen sprechen.

Ein Kernproblem ist die mangelnde Kommunikation zwischen Pflegepraxis und IT-Entwicklung. Pflegeunternehmen müssen lernen, ihre Bedürfnisse besser zu formulieren und Prozessketten zu beschreiben. Nur so können IT-Lösungen entstehen, die im Alltag wirklich helfen. Die Herausforderung für IT-Expert:innen besteht darin, verständlich zu machen, was Technologie leisten kann – denn „IT kann man nicht riechen, nicht schmecken und nicht hören“.

Versorgungsformen: Vom Quartier zum sozialen Dorf

Bei den Versorgungsformen entwickelten die Expert:innen innovative Konzepte jenseits traditioneller Strukturen. Im Zentrum standen selbstorganisierte Wohngemeinschaften ohne expliziten Pflegebezug, die Win-Win-Situationen für alle Beteiligten schaffen: Der:die eine unterstützt bei der Technik, der:die andere geht einkaufen, der:die dritte besorgt Medikamente. Diese Konzepte wurden bewusst als „soziales Dorf“ bezeichnet, da etablierte Begriffe wie „Quartiersbezug“ als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurden.
Zentral war die Idee lokaler Versorgung: Pflegekräfte sollen mit dem Rucksack ohne Auto in einem sehr engmaschigen Gebiet arbeiten können. Dies spart Kosten und ermöglicht intensivere Betreuung. Ein kontroverses Thema war das Vertrauen in der Pflege und der Umgang mit „schwarzen Schafen“. Die Arbeitsgruppe plädierte für einen Perspektivwechsel – weg von der negativen Berichterstattung über Abrechnungsskandale hin zu einer positiven Darstellung der Pflege.

Prävention und strukturelle Reformen

Intensiv diskutiert wurde der Pflegegrad 1, dessen Abschaffung politisch debattiert wird. Die Expert:innen plädierten für den Erhalt, aber mit einem präventiven Ansatz: Menschen sollen den Pflegegrad nur erhalten, wenn sie Prävention mit einbauen. Kontrovers wurde über Eigenverantwortung diskutiert, etwa beim Thema Rauchen, und ob der Präventionsgedanke stärker verankert werden sollte.

Die politische Arbeitsgruppe entwickelte weitreichende Reformvorschläge. Zentral war die Forderung nach Aufhebung der Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Stattdessen sollten Versicherte ein Budget erhalten und sich davon Pflege nach ihren Bedürfnissen einkaufen können, ergänzt durch Sorgenetzwerke mit ausgebildeten Ehrenamtler:innen und Profis.

Kritisiert wurde auch die Umsetzung bestehender Gesetze. Wenn der Gesetzgeber den Gesamtversorgungsvertrag ins Leben ruft, könne es nicht sein, dass einzelne Krankenkassen ihn einfach ignorieren. Besonders in der außerklinischen Intensivpflege forderten die Expert:innen grundlegende Reformen und die Abschaffung von Paragraphen, die als „Sparideen“ kritisiert wurden.

Vernetzung als Erfolgsrezept

Das Future Lab bewies eindrucksvoll die Kraft des Netzwerkgedankens. Viele Teilnehmer:innen betonten die Bedeutung des Austauschs zwischen neuen und vertrauten Gesichtern, zwischen Wissenschaft und Praxis. Diese Verbindung ermöglicht es, sowohl aktuelle Probleme zu identifizieren als auch zukunftsweisende Lösungen zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, wo der Schuh drückt, sondern vor allem darum, nach vorne zu schauen und konkrete Verbesserungen zu erarbeiten.

Die langjährige Verbindung zwischen der Fachzeitschrift und der Branche zeigte sich in vielen persönlichen Geschichten. Manche Unternehmer:innen erinnerten sich daran, wie der Verlag bereits am zweiten Tag nach ihrer Gründung vor der Tür stand, andere betonten, dass die Fachzeitschriften seit Jahrzehnten täglicher Bestandteil ihres Berufslebens sind.

Fazit: Mut zu grundlegenden Veränderungen

Das Häusliche Pflege Future Lab machte deutlich: Die ambulante Pflege steht vor einem Wendepunkt. Die Teilnehmer:innen forderten nicht nur kosmetische Korrekturen, sondern grundlegende Systemreformen. Zentral dabei sind mehr Selbstbewusstsein, bessere Führungskompetenzen, sinnvolle Digitalisierung und flexible Versorgungsstrukturen.

Die Botschaft des Tages war klar: Die ambulante Pflege hat das Potenzial für einen Paradigmenwechsel – wenn sie den Mut aufbringt, alte Strukturen zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Es geht darum, nicht nur 33 Jahre zurückzuschauen, sondern auch 33 Jahre nach vorne zu blicken und die Zukunft aktiv zu gestalten. Nicht mehr jammern, sondern gestalten. Nicht mehr Opfer sein, sondern stolz auf das Erreichte und mutig für die Zukunft.

Das Future Lab zeigte: Die Zeit für halbherzige Reformen ist vorbei. Die ambulante Pflege braucht einen echten Neuanfang – mit mehr Selbstbewusstsein, besseren Strukturen und dem Mut, unbequeme Wahrheiten anzugehen.

Impressionen vom Häusliche Pflege Future Lab