Pflege und Politik
„Viele fühlen sich nicht gehört und haben Vertrauen verloren“
„Für die ambulante Pflege in Mecklenburg-Vorpommern steht aktuell viel auf dem Spiel“, sagt Gabriele Schumacher von der Diakonie-Pflegedienst gGmbH. Obwohl die meisten Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden, sieht die Geschäftsführerin vom größten ambulanten Pflegeanbieter des Landes die Branche von der Politik übersehen und finanziell im Stich gelassen. Im Vorfeld der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und nach der Wahl in Sachsen-Anhalt warnt sie vor einem Rückzug der Versorgung aus dem ländlichen Raum – und fordert einen Kurswechsel.
Frau Schumacher, warum steht für die ambulante Pflege in Mecklenburg-Vorpommern so viel auf dem Spiel?
In Mecklenburg-Vorpommern leben etwa 140.000 pflegebedürftige Menschen. Nur rund 13 Prozent von ihnen werden in stationären Einrichtungen versorgt. Der weitaus größere Teil lebt zu Hause und wird von Angehörigen oder ambulanten Diensten betreut. Mehr als 70 Prozent der Pflege wird maßgeblich von Familien getragen. Trotzdem erhält die ambulante Versorgung politisch nicht die Aufmerksamkeit, die ihrer Bedeutung entspricht. In den Programmen gibt es zwar gute Ansätze – etwa Entlastungen für Angehörige, neue Wohnformen und mehr Pflegekräfte. In der konkreten Politik ist davon aber zu wenig zu erkennen.
Was läuft bei der Finanzierung falsch?
Ambulante Pflegedienste erhalten in den Verhandlungen mit den Kassen keine verlässlichen und auskömmlichen Preise. Wir erleben regelmäßig Schiedsverfahren. Im Bereich der häuslichen Krankenpflege nach SGB V werden Leistungen teilweise nicht ausreichend refinanziert. Das betrifft besonders die Arbeit unserer Pflegefachkräfte. Wir bezahlen nach den Arbeitsvertragsrichtlinien der Diakonie und haben die Gehälter in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Das ist richtig und notwendig. Dramatisch wird es aber, wenn die Kassen diese Kosten nicht vollständig vergüten. Gute Bezahlung darf nicht nur politisch gefordert werden – sie muss auch finanziert werden.
Sie kritisieren, die Pflegepolitik denke vor allem vom Heim aus.
Ja. Wenn über Pflege gesprochen wird, geht es häufig um stationäre Einrichtungen und deren Eigenanteile. Das ist wichtig, betrifft aber nur einen kleineren Teil der Pflegebedürftigen. Ambulante Angebote brauchen denselben politischen Rückhalt und eine entsprechende Investitionsbereitschaft. Stattdessen wird ihnen zunehmend die wirtschaftliche Grundlage entzogen.
Das zeigt sich besonders im ländlichen Raum. Unser Unternehmen ist an 15 Standorten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg tätig. Wir haben rund 220 Fahrzeuge und legen jährlich etwa vier Millionen Kilometer zurück. Trotzdem werden wir im Grundsatz nicht anders vergütet als ein Pflegedienst in einer Stadt mit kurzen Wegen. Die tatsächlichen Kosten der Versorgung in der Fläche spielen kaum eine Rolle.
Was bedeutet das für die tägliche Versorgung?
Die gestiegenen Kosten für Kraftstoff, Fahrzeuge und Personal werden nicht ausreichend berücksichtigt. Wirtschaftlich müssten wir uns bei manchen Einsätzen fragen, ob wir noch zu einem Menschen fahren können, der beispielsweise nur Hilfe beim Duschen benötigt. Natürlich versorgen wir diese Menschen weiterhin. Aber wenn sich die Wegevergütung nicht ändert, können ambulante Dienste künftig weniger Klientinnen und Klienten aufnehmen. Dann müssen sie entscheiden, welche Leistungen sie noch anbieten können.
Hinzu kommt, dass sich private Anbieter teilweise aus dünn besiedelten Regionen zurückziehen. Wir bleiben dort und übernehmen Verantwortung. Deshalb muss genauer hingeschaut werden: Wer versorgt tatsächlich die Menschen auf dem Land – und was ist notwendig, damit diese Strukturen erhalten bleiben?
Finden Sie mit diesen Problemen in der Landespolitik Gehör?
Das Interesse und grundsätzliche Bekenntnisse zur ambulanten Pflege sind durchaus vorhanden. Politikerinnen und Politiker besuchen unsere Einrichtungen und würdigen unsere Arbeit. Entscheidend ist aber, was daraus folgt. Gerade im Wahlkampf hören wir häufig, dass unsere Sorgen geteilt werden. Ich bin skeptisch, ob danach tatsächlich gehandelt wird.
Die Größenordnung der ambulanten Pflege wird noch immer unterschätzt. Kleine Sozialstationen erscheinen häufig wie ein zusätzliches Angebot, das irgendwie mitläuft. Betrachtet man sie isoliert, sind viele jedoch defizitär. Für uns ist die ambulante und teilstationäre Pflege die Existenzgrundlage. Wir haben keine Heime oder anderen großen Geschäftsbereiche, die Verluste auffangen könnten.
Was wünschen Sie sich konkret von der Politik?
Politische Entscheider sollten sich anschauen, wie ambulante Pflege im Alltag funktioniert – am besten, indem sie Pflegeteams auf ihren Touren begleiten. Sie müssen sehen, welche Entfernungen zurückgelegt werden, wie wenig finanziellen Spielraum viele Familien haben und wie schwierig es teilweise ist, notwendige Unterstützung in den Haushalten zu etablieren.
Vor allem muss die Pflegepolitik die Lebenswirklichkeit unseres Landes widerspiegeln. Wir brauchen eine unterschiedliche Bewertung von städtischer Versorgung und Flächenversorgung. Die entscheidende Frage lautet: Wollen wir auch künftig alle Menschen erreichen und zu Hause versorgen? Arbeit gibt es mehr als genug. Die Frage ist, ob wir mit der Vergütung unsere Beschäftigten angemessen bezahlen können.
Viele Menschen haben bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ihre Unzufriedenheit ausgedrückt. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich respektiere, wie die Menschen gewählt haben. Viele fühlen sich nicht gehört und haben Vertrauen verloren. Das muss man ernst nehmen. Als diakonische Einrichtung halte ich mich mit parteipolitischen Bewertungen zurück. Aber es darf nicht passieren, dass Menschen gegeneinander ausgespielt und diejenigen allein gelassen werden, die ohnehin schon sehr viel tragen. Dazu gehören die pflegenden Angehörigen und die Beschäftigten in der Pflege. An ihnen darf die Politik nicht sparen.
Welche Rolle spielen Entlastungsangebote für Angehörige?
Eine sehr große. Wir haben beispielsweise Pflegehotels aufgebaut. Dort können pflegebedürftige Menschen vorübergehend betreut werden, wenn Angehörige eine Pause brauchen oder in den Urlaub fahren. Werden entsprechende Leistungen eingeschränkt, geraten solche Angebote in Gefahr.
Das widerspricht dem Gedanken der Prävention. Wir dürfen nicht warten, bis pflegende Angehörige selbst erkranken und eine Notsituation entsteht. Entlastung muss vorher ansetzen. Auch Konzepte wie demenzsensibles Wohnen sollten stärker unterstützt werden. Warum soll ein Ehepaar getrennt werden, sobald ein Partner an Demenz erkrankt? Ebenso sollten wir mehr dafür tun, Menschen am Lebensende zu Hause zu begleiten, wenn sie das wünschen.
Was ist Ihnen für die Zukunft besonders wichtig?
Menschen wollen selbstbestimmt altern. Mecklenburg-Vorpommern gehört zu den Bundesländern mit einem besonders hohen Anteil älterer Menschen. Daran muss sich die Politik ausrichten. Dafür brauchen wir neben Pflegefachkräften auch Betreuungskräfte, Quereinsteiger und Menschen, die sich beruflich neu orientieren.
Heute schaffen wir häufig nur noch das, was zwingend erledigt werden muss. Angebote wie Seniorenclubs, Demenztreffs und gemeinschaftliche Aktivitäten fallen hinten herunter, weil sie sich nicht refinanzieren lassen. Dabei wirken sie Einsamkeit entgegen und stärken das Vertrauen. Wir müssen wieder Orte schaffen, an denen Menschen gerne zusammenkommen, Unterstützung erfahren und ihre Sorgen für eine Weile abgeben können.
Die Fragen stellte Asim Loncaric, Redakteur care konkret und Häusliche Pflege.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren