Pflege und Politik

Pflegebegleitung: „Ohne die Pflegedienste wird es nicht gehen“

Die im Pflegeneuordnungsgesetz vorgesehene Pflegebegleitung soll als regionale Kooperationsaufgabe organisiert werden – nicht als isolierte Leistung. Das forderten Pflegeexperte Prof. Thomas Klie und die Ruhrgebietskonferenz-Pflege bei einem digitalen Talk. Ambulante Dienste müssten von Beginn an eingebunden werden.

Prof. Dr. habil. Thomas Klie Foto: EH Freiburg/Marc Doradzillo

Beim digitalen „Talk am Förderturm“ der Ruhrgebietskonferenz-Pflege (RKP) und von ZukunftPflege NRW hat Pflegeexperte Prof. Thomas Klie eine klare Positionierung zur künftigen Pflegebegleitung vorgenommen. Nach Angaben der Veranstalter dürfe die im Pflegeneuordnungsgesetz vorgesehene Pflegebegleitung nicht als vollständig neue, isolierte Leistung organisiert werden, sondern müsse als regionale Kooperationsaufgabe von Pflegekassen, Kommunen, Beratungsstrukturen und Pflegeanbietern verstanden werden.

Rolle der ambulanten Dienste

Zur Bedeutung qualifizierter Pflegefachpersonen sagte Klie laut Pressemitteilung wörtlich: „Ohne sie wird es nicht gehen.“ Pflegedienste und weitere Anbieter sollten in die neuen Strukturen einbezogen werden, um Doppelstrukturen zu vermeiden und bestehende Kompetenzen, Erfahrungen sowie Vertrauensbeziehungen zu nutzen.

Christian Westermann von der Ruhrgebietskonferenz-Pflege unterstrich, es brauche keine neue Säule neben den vorhandenen Strukturen. Personen, die Pflegebegleitung in Teilen bereits heute leisten könnten, arbeiteten vielfach schon in den Diensten – diese Ressourcen müssten gemeinsam genutzt werden.

Begleitung statt reiner Beratung

Notburga Ott von „wir pflegen e.V.“ betonte laut Mitteilung, dass Pflegebegleitung aus Sicht pflegender Angehöriger nicht auf Beratung reduziert werden dürfe. Echte Begleitung müsse die Koordination des gesamten Unterstützungsumfelds umfassen – von professioneller Pflege über kommunale Angebote bis zu Nachbarschaftshilfe und Ehrenamt. Im Gesetzentwurf seien zudem wichtige Fragen offen, etwa wann Pflegebedürftige und Angehörige Anspruch auf weitergehende Begleitung oder Fallmanagement haben.

Streitpunkt Finanzierung

Kontrovers diskutiert wurde die Finanzierung. Klie warnte davor, die im Gesetzentwurf vorgesehenen 146 Euro lediglich in klassische Beratungsstunden umzurechnen. Pflegebegleitung müsse als regionale Infrastruktur gedacht und finanziert werden. Der Finanzbedarf einer neuen fachlichen Aufgabe könne nicht einfach aus bisherigen Ausgaben abgeleitet werden – gerade dann nicht, wenn bestehende Beratungsangebote bislang nicht flächendeckend oder einheitlich umgesetzt worden seien.

Aus Sicht von RKP und ZukunftPflege NRW müssen Personalbedarf, Infrastruktur und Finanzierung realistisch ermittelt und während der Einführung fortlaufend überprüft werden.

Versorgungsradar Pflege

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die regionale Versorgungssteuerung. Klie verwies darauf, dass heute vielfach nicht systematisch bekannt sei, wo Pflegebedarfe vor Ort nicht gedeckt werden könnten. Genau hier setzt der von der Ruhrgebietskonferenz-Pflege vorgeschlagene „Versorgungsradar Pflege“ an: Wenn Pflegebegleiter:innen wiederholt feststellten, dass kein Pflegedienst, keine Kurzzeitpflege oder ein anderes notwendiges Angebot verfügbar sei, dürften diese Informationen nicht im Einzelfall verschwinden. Aus einzelnen Versorgungsproblemen müsse gemeinsames Versorgungswissen werden. Digitalisierung und KI seien dafür laut Klie unverzichtbar; ohne digitale Vernetzung werde Pflegebegleitung nicht funktionieren.

Kommunaler Kontext

Wie dringlich das Thema für Städte und Kreise sei, zeige die Debatte um steigende Sozialausgaben. Essens Sozialdezernent Peter Renzel habe in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) Prävention und Pflegebegleitung als wichtige Hebel hervorgehoben. Pflegebegleitung dürfe daher nicht losgelöst von kommunaler Pflegeplanung und regionaler Versorgung organisiert werden – sie müsse Versorgungslücken sichtbar machen, präventiv wirken und vorhandene Angebote besser verzahnen.

Forderung: NRW-Umsetzungsdialog

RKP und ZukunftPflege NRW schlagen einen NRW-Umsetzungsdialog Pflegebegleitung vor. Land, Kommunen, Pflegekassen, Pflegeanbieter, bestehende Beratungsstrukturen, Pflegefachlichkeit und Angehörigenvertretungen sollten gemeinsam klären, wie Pflegebegleitung in Nordrhein-Westfalen konkret organisiert werden könne – noch bevor die neue Struktur endgültig festgeschrieben werde. (ck)

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