Pflegepolitik

„Versorgungsradar Pflege“ soll Engpässe sichtbar machen

Eine Familie weiß nach der Pflegeberatung, welche Unterstützung die pflegebedürftige Mutter benötigt – findet aber keinen Pflegedienst, der die Versorgung übernehmen kann. Genau an diesem Punkt muss die mit dem Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) geplante Pflegebegleitung ansetzen, fordert die Ruhrgebietskonferenz-Pflege. Sie schlägt vor, Pflegebegleitung konsequent mit der tatsächlichen Versorgung zu verbinden und die dabei gewonnenen Erkenntnisse für einen „Versorgungsradar Pflege“ zu nutzen.

Foto: Engel vonne Ruhr Ambulante Pflege GmbH

„Die entscheidende Frage darf künftig nicht sein, wie viele Menschen wir beraten haben. Entscheidend ist, wie viele anschließend auch die Hilfe bekommen, die sie brauchen“, so Silke Gerling, Geschäftsbereichsleiterin im Diakoniewerk Essen und Sprecherin der Ruhrgebietskonferenz-Pflege.

Wie groß die Lücke zwischen Beratungsanspruch und tatsächlicher Versorgung sein kann, zeigen aktuelle Daten aus Essen. Bei einer kommunalen Befragung im Jahr 2025 konnten rund zwei Drittel der antwortenden ambulanten Pflegedienste nicht alle Anfragen bedienen. Von 53 Diensten gaben 35 an, monatlich Aufträge nicht übernehmen zu können. Als wesentlicher Grund wurde fehlendes Personal genannt. An der Befragung beteiligten sich nach Angaben der Stadt rund 65 Prozent der ambulanten Pflegedienste.

Für die Ruhrgebietskonferenz-Pflege zeigt der Befund ein grundsätzliches Problem: Die Zahl vorhandener Pflegedienste sagt noch wenig darüber aus, ob eine Familie im konkreten Bedarfsfall tatsächlich Unterstützung findet.

Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege begrüßt grundsätzlich das Ziel des PNOG, Pflegebedürftige und Angehörige künftig intensiver zu begleiten. Eine neue Pflegebegleitung dürfe aber nicht lediglich eine weitere Beratungsebene im bestehenden System schaffen. Sie müsse Beratung und tatsächlich verfügbare Versorgung miteinander verbinden.

Dafür braucht es nach Auffassung der Ruhrgebietskonferenz-Pflege eine aktive und verbindliche Einbindung der ambulanten Pflegedienste und anderer Leistungserbringer. Sie wissen aus ihrem täglichen Geschäft, welche Leistungen verfügbar sind, welche Anfragen übernommen werden können und wo Versorgung an fehlenden Kapazitäten scheitert. Neue Melde- und Dokumentationspflichten seien dafür allerdings der falsche Weg.

Statt zusätzlicher Bürokratie brauche es regionale Kooperationsstrukturen und einfache Instrumente, die auch für die Pflegedienste einen konkreten Nutzen haben: weniger unpassende Anfragen, bessere Vermittlung und einen aktuellen Überblick über Bedarfe, Kapazitäten und Engpässe.

Aus den ohnehin im Rahmen der Pflegebegleitung entstehenden Informationen könnte nach Vorstellung der Ruhrgebietskonferenz-Pflege ein Versorgungsradar Pflege entstehen.

Er sollte beispielsweise sichtbar machen:

  • welche Unterstützung gesucht wird,
  • ob eine passende Versorgung gefunden werden konnte,
  • wie lange die Vermittlung dauert und
  • wo bestimmte Leistungen regelmäßig nicht verfügbar sind.

Damit würde Pflegebegleitung erstmals nicht nur einzelnen Menschen helfen. Sie könnte gleichzeitig Informationen liefern, die Kommunen und Land für eine bedarfsgerechtere Pflegeplanung benötigen.

Mit dem Konzept „Care vor Ort“ haben Ruhrgebietskonferenz-Pflege und ZukunftPflege NRW bereits einen Ansatz entwickelt, der genau diese Verbindung herstellen soll. „Vorhandene Beratungsstrukturen, Kommunen und regionale Pflegeanbieter sollen dabei miteinander vernetzt werden. Ziel ist nicht, eine weitere Beratungsstruktur aufzubauen, sondern Menschen von der ersten Orientierung möglichst bis zur tatsächlich verfügbaren Versorgung zu begleiten“, erklärt Christian Westermann, Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes „Engel vonne Ruhr“ und ebenfalls Sprecher der Ruhrgebietskonferenz-Pflege die Idee hinter „Care vor Ort“.

Der Versorgungsradar könnte diese Struktur ergänzen und gleichzeitig zeigen, wo Vermittlung gelingt und wo regionale Versorgungslücken entstehen.

 

KI kann zum Gamechanger werden – aber sie schafft keine Pflegekräfte

Auch Künstliche Intelligenz kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie ersetzt weder Pflegekräfte noch schafft sie zusätzliche Pflegeplätze.

Sie kann aber helfen, vorhandene Angebote und konkrete Bedarfe schneller zusammenzubringen. Statt dass Angehörige Pflegedienst für Pflegedienst abtelefonieren müssen, könnten intelligente Systeme künftig schneller beantworten: Wer kann tatsächlich helfen?

Darüber hinaus kann KI aus einer Vielzahl von Anfragen Muster erkennen: Wo werden bestimmte Leistungen immer häufiger gesucht? Wo häufen sich erfolglose Vermittlungsversuche? Wo zeichnet sich ein Engpass ab, bevor daraus eine Versorgungskrise entsteht?

Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege warnt deshalb davor, Digitalisierung als Zukunftsversprechen auf die lange Bank zu schieben. Die organisatorischen Voraussetzungen könnten bereits heute geschaffen werden.

Erst Zusammenarbeit organisieren. Dann Transparenz schaffen. Dann intelligent steuern.

 

Pflegebegleitung als Steuerungsinstrument und Frühwarnsystem

Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege schlägt deshalb vor, die geplante Pflegebegleitung nicht allein anhand von Beratungszahlen zu bewerten.

Ihr Erfolg sollte sich daran messen lassen, ob Pflegebedürftige anschließend tatsächlich die benötigte Hilfe erhalten.

So verstanden könnte aus der Pflegebegleitung mehr werden als ein zusätzliches Beratungsangebot: ein Instrument, das Familien konkret unterstützt, pflegende Angehörige und damit auch Arbeitgeber entlastet und gleichzeitig aktuelle Informationen über regionale Versorgungslücken liefert.

Pflegebegleitung könnte damit zum Steuerungsinstrument und Frühwarnsystem für die Pflegeversorgung in NRW werden.

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