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Finanzbranche interessiert sich zunehmend für Pflegesektor

Angesichts schwächelnder Büromärkte richten Banken und private Investoren ihren Blick zunehmend auf den Pflegesektor, sowohl auf Pflegeheime als auch auf Wohnkonzepte für ältere Menschen mit und ohne Betreuung. Der demografische Wandel verspricht stabile Nachfrage – doch Kritiker warnen vor Interessenskonflikten.

Bild: weyo - AdobeStock.

Die Finanzbranche hat die Altenpflege als Investitionsfeld identifiziert. Wie die dpa berichtet, wenden sich immer mehr Banken und private Kapitalgeber Pflegeimmobilien zu, nachdem der Büroimmobilienmarkt in eine anhaltende Flaute geraten ist. „Pflegeimmobilien waren nie eine Asset-Klasse, die bei den Banken in der Vergangenheit im Fokus stand“, sagt Philipp Wackerbeck, Partner beim Beratungsunternehmen Strategy& in München. „Doch das hat sich fundamental gedreht.“

Der Grund für das wachsende Interesse liegt auf der Hand: Während die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung von Wackerbeck bestenfalls stagniert, gilt die Pflege als einer der wenigen verlässlichen Wachstumsmärkte. Private Kapitalgeber zeigen laut dem Berater Interesse daran, als Eigentümer und Betreiber direkt einzusteigen – nicht nur bei Pflegeheimen im engeren Sinne, sondern auch bei Wohnkonzepten für ältere Menschen mit und ohne Betreuung.

Milliardenbedarf für neue Pflegeplätze

Der Kapitalbedarf ist enorm: Das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI Essen bezifferte 2024 in einem Basisszenario die notwendigen Investitionen für neue Pflegeheimplätze auf 20,6 Milliarden Euro bis 2030 und auf über 35 Milliarden Euro bis 2040. Dabei sind weder der Sanierungsbedarf in bestehenden Heimen noch verschärfte Vorgaben wie die Anforderungen an mehr Ein-Bett-Zimmer in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg eingerechnet.

Die Auslastung der Heime liegt laut Maurice Schroff, Direktor und Pflegefachmann bei Strategy&, bereits heute zwischen 92 und 95 Prozent. Der demografische Druck wird weiter zunehmen: Laut Demografieportal des Bundes waren 2023 rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Bis 2040 wird ein Anstieg auf 6 Millionen erwartet – dreimal so viele wie noch 1999.

Dass die Zahl der Pflegebedürftigen bereits vor dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem Arbeitsleben so stark gestiegen ist, hat allerdings nicht nur demografische Ursachen. Die Pflegestärkungsgesetze von 2015 und 2017 haben den Begriff der Pflegebedürftigkeit erweitert: Seither gelten auch Menschen mit Demenz oder seelischen Erkrankungen als pflegebedürftig – nicht mehr nur körperlich Gebrechliche. Nach Einschätzung von Fachleuten hat die Politik damit die Leistungen ausgeweitet, ohne finanziell ausreichend vorzusorgen.

Banken scheuten lange das Risiko

Lange Zeit mieden Kreditinstitute das Geschäft mit Pflegebetten. Laut Wackerbeck galt die Finanzierung als unattraktiv: Die Margen waren niedrig, das Risiko hoch, und es fehlte an Spezialisten mit dem nötigen Fachwissen. Das ändert sich nun offenbar. Die Berater von Strategy& sehen für Banken unter anderem Chancen bei Projektentwicklungs- und Bestandsdarlehen.

Die Ökonomin Dörte Heger, früher Hauptautorin des RWI-Pflegeberichts und heute Professorin an der Hochschule Bochum, beobachtet bereits seit Jahren eine wachsende Präsenz privater Anbieter im Pflegemarkt. Sie erwartet eine langsame Fortsetzung dieses Trends.

Sozialverbände und Wohlfahrt warnen vor Renditefokus

Nicht alle sehen die Entwicklung positiv. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt vor einer zunehmenden Monetarisierung des Pflegesektors. „Wenn sich am Ende alles um Renditen dreht, ist die Gefahr groß, dass diejenigen in den Hintergrund rücken, um deren Wohl es geht: Patientinnen und Patienten und die zu Pflegenden“, mahnt die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. Gesundheit und Pflege dürften nicht in Konkurrenz zu wirtschaftlichen Belangen geraten.

Auch die Diakonie Deutschland sieht die Lage kritisch – allerdings aus einem anderen Blickwinkel. Gesetzlich seien die Bundesländer für die Infrastruktur in der Pflege verantwortlich, sagt Katharina Owczarek, Referentin für stationäre Altenhilfe bei der Diakonie. „Dieser Verpflichtung kommen sie nicht in ausreichendem Maß nach.“ Die wirtschaftliche Situation der diakonischen Pflegeeinrichtungen sei insgesamt sehr angespannt. Die zentrale Herausforderung liege derzeit nicht im Neubau, sondern im Erhalt bestehender Einrichtungen und ihrer Plätze.

Pflegebedürftige und Angehörige zahlen am Ende

Die finanziell bedrängten Länder werden nach Einschätzung von Gesundheitsökonomin Heger auch künftig zu wenig Geld bereitstellen. Die je nach Bundesland unterschiedliche Investitionsförderung werde zu knapp ausfallen, um den Pflegebedarf zu decken. „Es bleibt damit freigemeinnütziges und privates Kapital“, so Heger.

Die Konsequenz: Höhere Investitionskosten, die durch privates Kapital entstehen, müssten nach aktueller Rechtslage die Pflegebedürftigen selbst tragen – oder deren Angehörige. Damit droht der wachsende Einfluss der Finanzbranche auf den Pflegesektor letztlich jene zu belasten, die ohnehin zu den verletzlichsten Gruppen der Gesellschaft gehören.

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