News
Hitze als stiller Killer: Risiken für Senioren und Menschen mit Demenz
Es wird heiß in Deutschland: Über mehrere Tage hinweg sollen die Temperaturen über 30 Grad klettern, teilweise sogar deutlich. Das heißt nicht nur: Zeit für Freibad, Eis und Biergarten. Gleichzeitig beginnt auch eine belastende und mitunter gefährliche Zeit, vor allem für ältere Menschen, für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und insbesondere auch für Personen mit Demenz.
Was ist das Problem? „Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland und weltweit“, betont die Epidemiologin Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München. Die Gefäße erweitern sich, was den Blutdruck senkt und dazu führt, dass das Herz schneller und stärker pumpen muss. Dadurch steigt bei vorerkrankten, häufig älteren Menschen das Risiko für Herzinfarkt, Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz.
Durch Schwitzen droht zudem Dehydration – also Flüssigkeitsmangel -, was wiederum einen Kreislaufkollaps oder Thrombosen begünstigen kann.
Wer muss besonders aufpassen? Besonders gefährdet sind neben Herzpatientinnen und -patienten auch Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes sowie neurologischen Erkrankungen wie Demenz, betont Schneider. Und: „Ältere Menschen sind insgesamt am anfälligsten, da ihre Anpassungsfähigkeit an Hitze und ihr Durstempfinden oft eingeschränkt sind.“ Gerade bei Demenz kommt hinzu, dass Betroffene Bedürfnisse wie Trinken, Abkühlung oder Ruhe häufig nicht selbstständig wahrnehmen oder umsetzen können.
Der Geriatrie-Forscher Kilian Rapp vom Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart erklärt: Das Aufsuchen kühlerer Räume oder mehr zu trinken seien bei extremer Hitze naheliegende Maßnahmen. „Personen, die ans Bett gebunden oder dement sind, sind zu so elementaren Maßnahmen nicht mehr in der Lage.“
Hitze wird oft als „stiller Killer“ bezeichnet – auch, weil sie selten direkt als Todesursache in Statistiken auftaucht. Stattdessen modellieren Institutionen wie das Robert Koch-Institut (RKI) oder das Umweltbundesamt die sogenannte Übersterblichkeit: Sie erfassen, wie viele Menschen während einer Hitzeperiode sterben und inwieweit diese Zahl über den üblichen Werten liegt. So schätzt das RKI, dass im vergangenen Jahr rund 2.500 Menschen hitzebedingt gestorben sind.
In heißeren Sommern lag diese Zahl bereits deutlich höher. Rapp betont, dass ältere und gebrechliche Menschen hier den größten Anteil ausmachen: „Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung bei Hitzewellen ist fast ausschließlich auf diese Personengruppe zurückzuführen.“
Wie sterben Betroffene?
Veronika Huber vom Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats in Sevilla weist darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der Todesfälle auf nachgewiesene Hitzschläge zurückgeht. Häufige hitzebedingte Todesursachen sind Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen. Doch die Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs: Viele Erkrankungen verschlechtern sich bei Hitze oder treten vermehrt auf. Dazu zählen ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Migräne sowie eine Verschlechterung der Symptome bei Multipler Sklerose, Epilepsie und insbesondere auch Demenz, wie die Neurologin Ameli Breuer von der Charité erklärt.
Und was ist mit allen anderen? Ganz spurlos gehen die Auswirkungen an den wenigsten Menschen vorbei. Sebastian Karl vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim sagt: „Wahrscheinlich hat jeder schon einmal erlebt, wie sich Hitze auf die psychische Gesundheit auswirkt: Wir können uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer.“ Hitze kann als zusätzlicher Stressfaktor verstanden werden, mit dem das Gehirn umgehen muss.
Auch das Risiko für psychische Erkrankungen steigt. Besonders belastend sind tropische Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Sie beeinträchtigen die psychische Verfassung und die Leistungsfähigkeit am folgenden Tag, was gerade für ältere Menschen und Menschen mit Demenz zusätzliche Risiken bedeutet.
Hans Knoblauch vom Universitätsklinikum Ulm ergänzt: „Bei Hitze reagieren Menschen potenziell schneller gereizt“, was sich etwa in mehr Konflikten, aggressiverem Verhalten oder verminderter Belastbarkeit zeigen kann.
Wie heftig wird es in Deutschland in diesem Sommer?
Hitzewellen werden durch den Klimawandel häufiger und intensiver, konkrete Entwicklungen lassen sich jedoch nur kurzfristig vorhersagen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht mit leichter Tendenz von einem wärmeren Sommer aus als im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. „Unsere aktuelle saisonale Klimavorhersage zeigt eine Wahrscheinlichkeit von rund 62 Prozent für mehr heiße Tage mit Temperaturen über 30 Grad“, sagte Klimaforscherin Amelie Hoff. Deutschland hat sich bereits um rund 2,5 Grad erwärmt – stärker als der globale Durchschnitt.
Wie kann man sich schützen? Viel trinken – und zwar deutlich mehr als sonst. „Bei hohen Temperaturen kann der Körper selbst in Ruhe pro Stunde etwa 500 bis 700 Milliliter Flüssigkeit über Schweiß verlieren – oft unbemerkt. Daher sollten etwa alle 20 bis 30 Minuten rund 200 Milliliter getrunken werden“, erklärt Hanns-Christian Gunga von der Charité. Gerade bei älteren Menschen und Menschen mit Demenz ist es wichtig, regelmäßig ans Trinken zu erinnern oder aktiv Unterstützung anzubieten.
Eine kühle Wohnumgebung hilft ebenfalls: Räume sollten durch Rollläden oder Markisen verdunkelt und nachts gelüftet werden. „Wenn möglich, sollten kühlere Räume zumindest zeitweise aufgesucht werden“, rät Rapp. Besonders wichtig ist hierbei die Unterstützung für Seniorinnen und Senioren sowie für Menschen mit eingeschränkter Selbstständigkeit. Nicht zuletzt ist auch die Politik gefordert: Kommunen sollen Hitzeaktionspläne entwickeln, um die Bevölkerung – insbesondere ältere und vulnerable Menschen – besser zu schützen. Hier besteht laut Experten weiterhin deutlicher Nachholbedarf.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren