Konzepte und Innovationen

Kiel testet „Pflegesensibles Quartier“

Die Landeshauptstadt Kiel startet ein Modellprojekt, das pflegende Angehörige im Wohnumfeld entlasten soll. Land und Pflegekassen finanzieren das Vorhaben in zwei Stadtteilen mit rund 540.000 Euro. Ein Caring-Community-Ansatz und eine neue Koordinierungsstelle sollen professionelle Pflege, Nachbarschaft und lokale Einrichtungen enger verzahnen – wissenschaftlich begleitet von der HAW Kiel.

Sozialministerin Aminata Touré (links) und AOK-Landesdirektorin Iris Kröner übergaben den Förderbescheid an Kiels Bürgermeister Gerwin Stöcken. Foto: Kurz/Sozialministerium/hfr.

In Kiel beginnt ein auf mehrere Jahre angelegtes Modellvorhaben mit dem Titel „Pflegesensibles Quartier“. Laut Pressemitteilung des Ministeriums für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung Schleswig-Holstein wird das Projekt in den Stadtteilen Elmschenhagen/Kroog sowie Wik umgesetzt und mit rund 540.000 Euro durch das Land und die Pflegekassen gefördert. Sozialministerin Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen) und AOK-NordWest-Landesdirektorin Iris Kröner übergaben den Förderbescheid symbolisch an Bürgermeister Gerwin Stöcken (SPD).

Caring Community als Leitidee

Im Zentrum steht ein quartiersbezogener Caring-Community-Ansatz, der Pflege als gemeinsame Aufgabe im sozialen Umfeld begreift. Durch Aufklärungs- und Vernetzungsarbeit sollen Anwohner:innen für Pflegethemen sensibilisiert, nachbarschaftliche Unterstützung gestärkt und pflegende Angehörige entlastet werden. Auch der Zugang zu Entlastungsangeboten soll erleichtert werden – ausdrücklich auch über digitale Lösungen.

Sozialministerin Touré verwies auf die wachsende Bedeutung häuslicher Pflege: Pflegende Angehörige seien bereits heute der größte Pflegedienst des Landes, und mit Blick auf demografischen Wandel und Fachkräftemangel werde die Pflege im häuslichen Umfeld weiter an Bedeutung gewinnen. Sie betonte die Notwendigkeit von Ansätzen, die eine solidarische und pflegende Gesellschaft im direkten Umfeld stärken.

Neue Koordinierungsstelle ergänzt bestehende Strukturen

Zentrales operatives Element ist eine neue Koordinierungsstelle „Pflegesensibles Quartier“. Sie ergänzt nach Angaben des Ministeriums bestehende Strukturen wie die Anlaufstellen Nachbarschaft (anna) und die Pflegestützpunkte. Ihre Aufgaben: Vernetzung im Quartier, Vermittlung von Unterstützungsangeboten sowie Organisation und Begleitung freiwilliger nachbarschaftlicher Hilfe.

AOK-Landesdirektorin Kröner ordnete das Vorhaben als Netzwerk ein, das professionelle Pflege mit Angehörigen, Nachbarn und lokalen Einrichtungen direkt im Wohnumfeld verbindet. Aus Sicht der Pflegekassen soll der Ansatz pflegebedürftigen Menschen längeres selbstständiges Leben in der gewohnten Umgebung ermöglichen, die Versorgungssicherheit erhöhen und sowohl Pflegefachkräfte als auch Angehörige entlasten.

Bürgermeister Stöcken bezeichnete das Konzept als pragmatischen Ansatz angesichts alternder Gesellschaft und Fachkräftemangels. An- und Zugehörige leisteten einen enormen Beitrag zur Pflege und dürften mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden.

Wissenschaftliche Begleitung und Transferziel

Das Projekt basiert auf einer begleitenden Bedarfsanalyse zu den Sorge- und Unterstützungsbedarfen pflegender An- und Zugehöriger im Quartier. Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel. Untersucht werden insbesondere die Auswirkungen der neuen Unterstützungsstrukturen auf die Belastung pflegender Angehöriger und die Lebensqualität im Quartier. Die Ergebnisse sollen in einem praxisnahen „Tool-Koffer“ gebündelt und auf weitere Stadtteile, Städte und Gemeinden übertragen werden.

Studienleiterin Dr. Anke Erdmann, Professorin für Chronische Erkrankungen und Langzeitpflege an der HAW Kiel, hob hervor, dass die Forschung die heterogene Zielgruppe pflegender An- und Zugehöriger differenziert betrachten werde – einschließlich pflegender Eltern sowie pflegender Kinder und Jugendlicher. Geprüft werden soll, wie sich die Hilfeangebote der Caring Community gerade auch für diese Gruppen auswirken.

Einbettung in das Förderprogramm der Pflegeversicherung

Das Modellvorhaben läuft im Rahmen eines Förderprogramms der sozialen Pflegeversicherung zur Erprobung neuer Versorgungs- und Unterstützungsformen. Schleswig-Holstein stellt für die Kofinanzierung nach Angaben des Sozialministeriums jährlich rund eine Million Euro für die Jahre 2025 bis 2028 bereit.

Veranstaltungshinweis: Konferenz Versorgungsquartiere

Wer das Thema vertiefen und die wirtschaftliche Seite quartiersbezogener Pflegekonzepte in den Blick nehmen möchte, findet am 30. September und 1. Oktober 2026 in Hannover Gelegenheit dazu: Die Häusliche Pflege Konferenz Versorgungsquartiere – planen und betreiben bringt ambulante Pflegeanbieter, Wohnungswirtschaft, Investoren, Genossenschaften und Kommunen zusammen, um tragfähige Modelle für Pflege im Quartier zu entwickeln. Auf dem Programm stehen unter anderem Praxiseinblicke in Planung, Finanzierung und Betrieb von Versorgungsquartieren, Erfolgsfaktoren des Service-Wohnens als Bindeglied zwischen Wohnen und Pflege sowie Exkursionen ins Johanniter-Quartier Kirchrode und ins Stift zum Heiligen Geist. Referent:innen sind unter anderem die Hannoveraner Sozialdezernentin Sylvia Bruns, Dagmar Vogt-Janssen (Fachstelle Senioren der Landeshauptstadt Hannover), Quartiersaktivist Torsten Anstädt (humaQ) und Unternehmensberater Michael Küppers.

Häusliche Pflege Konferenz Versorgungsquartiere – planen und betreiben