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Neue Versorgungsstrukturen in der Pflege: Branche fordert weniger Bürokratie statt Staatshilfen
Weniger Bürokratie, mehr Vertrauen: Auf dem Deutschen Pflegetag 2025 fordern Expert:innen pragmatische Lösungen statt Staatshilfen. Neue Versorgungsstrukturen scheitern nicht am Willen – sondern an Regulierung, Hürden und fehlender Flexibilität.
Von Tim Walter
Vertrauen und Pragmatismus sind wichtiger als zusätzliche Fördergelder, lautete das Fazit von Expert:innen aus Praxis und Politik in der Session „Ich baue dir ein Pflegeheim, ich gründe einen ambulanten Dienst, wenn…“ auf dem Deutschen Pflegetag 2025. „Wir haben ein Interesse, neue Versorgungsstrukturen auszubauen. Wir haben auch die Bereitschaft dazu“, betonte Christian Gharieb, CEO von Korian Deutschland. „Aber die Hürden sind sehr, sehr hoch.“ Ein Pflegeplatz koste heute in der Erstellung rund 230.000 Euro – eine Investition, die über eine lange Periode abgesichert werden müsse.
Diese Zurückhaltung beschränkt sich keineswegs auf private Anbieter. Sonja Driebold von der Diakonie Hessen bestätigte: „Wir haben auch nicht so wahnsinnig viele Neubauzeichen im Moment an der Wand hängen.“ Sie identifizierte einen zusätzlichen Megatrend: „Menschen können sich die Leistungen nicht mehr leisten, die sie eigentlich benötigen.“
Wenn Pflege unbezahlbar wird
Driebold schilderte ein paradoxes Phänomen: Trotz demografischen Wandels rufen ambulante Dienste verzweifelt an und berichten, dass ihnen die Kunden wegbrechen. Der Grund: Gehaltssteigerungen von über 20 Prozent in den letzten Jahren haben die Leistungen so verteuert, dass sich viele Menschen die notwendige Pflege nicht mehr leisten können.
„Die Leistungen sind so teuer geworden, dass es sich kein Mensch mehr leisten kann“, so Driebold. Dies führe zu einem Teufelskreis: Menschen zögern die Inanspruchnahme professioneller Hilfe hinaus, was langfristig zu teureren Folgekosten führt.
Politik erkennt wachsende Bedeutung
Katrin Staffler, Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, räumte ein, dass das Thema Pflege lange Zeit nicht die nötige politische Aufmerksamkeit erhalten habe. „Mein Eindruck ist, dass sich da schon ein bisschen was ändert“, sagte sie mit Verweis auf die gesellschaftliche Reaktion auf die Diskussion um den Pflegegrad 1. „Der Aufschrei war enorm, zu Recht.“
Das heute im Bundestag verabschiedete Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG) sei „ein erster Schritt in die richtige Richtung“, aber „nicht das Ende des Wegs“. Die großen Reformen würden erst mit den Ergebnissen der Bund-Länder-Arbeitsgruppe kommen.
Kommunen zwischen Wollen und Können
Hendrik Bollmann, SPD-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Bauen und Kommunen, verwies auf die schwierige Situation der Kommunen. Seine Heimatstadt Herne sei seit 40 Jahren Haushaltssicherungsgemeinde – die Strukturen seien „komplett abgeschliffen“. „Es geht darum, nicht denen zu sagen, jetzt macht mal, sondern wir als Bund müssen die Kommunen an die Hand nehmen.“
Staffler bestätigte diese Einschätzung: Eine von ihr beauftragte Studie zur kommunalen Pflegeplanung habe gezeigt, dass diese „überall echt unterirdisch“ sei. Kommunen müssten befähigt werden, überhaupt eine Bedarfsplanung zu erstellen.
Drei Wünsche an die Politik
Auf die Frage nach konkreten Verbesserungsvorschlägen formulierte Gharieb drei zentrale Forderungen:
- Mehr Flexibilität: Pflegeheime und ambulante Dienste müssten ohne bürokratische Hürden ins Quartier wirken können
- Vertrauen in die Profession: Akademisierte Pflegefachkräfte sollten Leistungen direkt zuweisen können
- Verlässliche Finanzierung: Eine Umkehr der Vorausleistung, bei der Träger nicht mehr in Vorleistung gehen müssten
Driebold ergänzte die Forderung nach grundlegender Vereinfachung des Systems und mutigen Entscheidungen beim Leistungsrecht: „Da haben wir Vertrauen in die Leistungserbringer.“
Internationale Fachkräfte: Zu viel deutsche Gründlichkeit?
Ein besonderer Fokus lag auf der Gewinnung internationaler Pflegekräfte. Derzeit warten diese im Schnitt 500 Tage auf ihre Anerkennung. „Das ist vielleicht ein bisschen mehr deutsche Gründlichkeit, als uns die Menschen in der Versorgung helfen“, kritisierte Martin von Berswordt-Wallrabe vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), der den erkrankten Hauptgeschäftsführer Norbert Grote vertrat.
Staffler gab zu: „Wir sind da komplett auf dem Holzweg.“ Sie habe bereits alle zuständigen Staatssekretäre zu einem Runden Tisch eingeladen, um die verschiedenen Zuständigkeiten zu koordinieren. „Ich bin nicht zufrieden mit dem, wie das aktuell läuft.“
Sektorengrenzen überwinden
Alle Diskutanten waren sich einig, dass die starren Sektorengrenzen zwischen ambulanter, teilstationärer und stationärer Pflege überwunden werden müssen. Gharieb verwies auf ein italienisches Modell, das geriatrische Reha, Notfallstation, Demenzbereich und normalen Wohnbereich unter einem Dach vereint.
Staffler bestätigte: „Die Sektorengrenzen müssen deutlich abgebaut werden.“ In der Bund-Länder-Arbeitsgruppe werde intensiv über eine Flexibilisierung des Leistungsrechts diskutiert. „Wer weiß denn, was die Pflegebedürftigen wirklich brauchen? Am besten wissen die das selber.“
Gemeinsam statt gegeneinander
Trotz aller Kritik betonten die Teilnehmer ihren Willen zur Zusammenarbeit. „Diese Riesenaufgabe können wir überhaupt nur gemeinsam lösen“, so Staffler. Driebold berichtete von vielen trägerübergreifenden Projekten, die an Vernetzung und Verzahnung arbeiten.
Die zentrale Botschaft der Session: Die Pflegebranche will keinen Gipfel beim Kanzler oder Staatshilfen wie die Stahlindustrie – sie will lediglich, dass man ihr die Hemmschuhe entfernt. Vertrauen, Pragmatismus und weniger Bürokratie seien die Schlüssel für den dringend benötigten Ausbau der Versorgungsstrukturen.
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