Betreuung

Zeitpolster: Österreichisches Vorsorgemodell startet in Deutschland

Ein Zeittausch-Netzwerk für Alltagshilfe im Alter kommt nach Deutschland. Freiwillige sammeln geleistete Stunden auf einem Konto und können diese später selbst einlösen. Der PKV-Verband finanziert die fünfjährige Anschubphase. Erste Leuchtturmregion ist der Landkreis Recklinghausen, eine zweite folgt im Dezember. Kommunen können sich ab September für eine Teilfinanzierung bewerben.

Gernot Jochum-Müller (r), Geschäftsführender Gesellschafter der Zeitpolster Deutschland gGmbH, mit seinem Team. Foto: Zeitpolster Deutschland gGmbH

Rund drei Millionen Menschen in Deutschland sind laut PKV-Verband heute mindestens 85 Jahre alt – fast die dreifache Zahl im Vergleich zu Anfang der 1990er-Jahre. Damit diese Gruppe möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben kann, fehlt vielerorts niedrigschwellige Alltagsunterstützung, die weder Angehörige noch Pflegedienste vollständig abdecken. An dieser Lücke setzt das aus Österreich stammende Modell „Zeitpolster“ an, das seit acht Jahren existiert und laut Angaben des Verbands bereits in 20 Prozent der österreichischen Kommunen aktiv ist sowie 2.700 Freiwillige eingebunden hat.

Zeit statt Geld als Tauschprinzip

Das Modell verzichtet auf klassische Bezahlung. Freiwillige begleiten ältere oder hilfsbedürftige Menschen bei Einkäufen, Arztterminen oder leisten schlicht Gesellschaft. Jede geleistete Stunde wird auf einem persönlichen Zeitkonto gutgeschrieben und kann bei eigenem Hilfebedarf später abgerufen werden.

Wer Leistungen in Anspruch nimmt, ohne selbst Stunden angespart zu haben, zahlt derzeit 12 Euro pro Stunde. Ein Anteil dieser Einnahmen fließt in ein Notfallkonto, aus dem Zeitpolster professionelle Hilfe zukaufen kann, falls die ehrenamtlichen Kapazitäten vor Ort nicht ausreichen. Diese Reserve soll das System langfristig absichern.

Dreistufige Organisationsstruktur

Getragen wird das Netzwerk von lokalen Gruppen, die Einsätze eigenständig vermitteln und intern abstimmen. Regionalkoordinatorinnen und -koordinatoren begleiten den Auf- und Ausbau in den jeweiligen Gebieten. Die deutsche Geschäftsstelle bildet den dritten Baustein: Sie steuert das Gesamtsystem, stellt die technische Plattform bereit, verwaltet das Notfallkonto und berät die Regionalstellen.

Carsten Schmitz, Geschäftsführer von Zeitpolster Deutschland, verweist auf die österreichischen Erfahrungen: Aus einfachen Handreichungen entstünden Gemeinschaften, die Einsamkeit minderten und pflegende Angehörige entlasteten. Auffällig sei, dass das Modell auch Menschen aktiviere, die zuvor nicht ehrenamtlich engagiert waren – das Zeitkonto biete ihnen eine greifbare Form der Vorsorge.

PKV-Verband finanziert fünfjährige Anschubphase

Der Verband der Privaten Krankenversicherung fördert den Deutschland-Start über fünf Jahre. Die Mittel umfassen laut Mitteilung zwei Leuchtturmregionen, die fachliche Begleitung durch die Zeitpolster Deutschland gGmbH sowie Öffentlichkeitsarbeit und digitale Vernetzung. Ziel ist eine anschließende Selbsttragfähigkeit des Modells.

Nils Stakowski, Referent für Prävention beim PKV-Verband, ordnet die Förderung als präventionspolitische Maßnahme ein: Angesichts veränderter Familienstrukturen und des Fachkräftemangels müssten Gemeinschaften aufgebaut werden, die die Versorgung vor Ort ergänzen. Das Modell verbinde freiwilliges Engagement mit Strukturaufbau und könne den Eintritt von Pflegebedürftigkeit verzögern, indem es Selbstständigkeit und Teilhabe sichere.

Der PKV-Verband ist seit 2017 freiwilliges Mitglied der Nationalen Präventionskonferenz und investiert nach eigenen Angaben rund 22 Millionen Euro jährlich in Präventionsprogramme entlang der Lebenswelten – von der Kita bis zur Pflegeeinrichtung.

Start in Recklinghausen, zweite Region gesucht

Der operative Start erfolgt Mitte Juli im Landkreis Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen). Interessierte Freiwillige und Menschen mit Unterstützungsbedarf können sich per E-Mail an deutschland@zeitpolster.com wenden.

Eine zweite Leuchtturmregion wird derzeit gesucht und soll im Dezember starten. Darüber hinaus sollen im Projektverlauf weitere Regionen teilfinanziert werden. Interessierte Kommunen und Initiativen können sich vormerken lassen; die genauen Auswahlkriterien werden ab September bekanntgegeben. (ck)


Weitere Informationen: https://www.zeitpolster.com/de/ sowie zum Präventionsengagement des PKV-Verbands unter pkv.de/positionen/praeventionsengagement.