Versorgungskonzepte

Essen auf Rädern: Mehr als nur eine Mahlzeit

Die Nachfrage nach Mahlzeitendiensten wächst – nicht nur wegen des demografischen Wandels, sondern auch, weil immer mehr ältere Menschen möglichst lange zu Hause leben möchten. Doch der Betrieb eines Essen-auf-Rädern-Angebots steht vor enormen Herausforderungen: steigende Kosten, Fachkräftemangel, logistische Hürden. Im Interview erklärt David Baller, Leiter Marketing B2B bei apetito, wie moderne Menülogistik heute funktioniert, warum tiefgekühlte Auslieferung Autonomie fördert – und weshalb politische Unterstützung dringend nötig ist.

David Baller, Leiter Marketing B2B, apetito AG Foto: apetito

Herr Baller, warum ist es wichtig, Essen auf Rädern anzubieten?

Der demografische Wandel führt weiter dazu, dass die Menschen in Deutschland immer älter werden. Doch mit steigendem Alter nimmt der Unterstützungsbedarf zu. In Zeiten von Personalmangel und Inflation ist es zum Teil schwierig, einen passenden Pflegeplatz zu finden. Umso wichtiger ist es, Seniorinnen und Senioren zuhause gut zu versorgen und solange wie möglich in ihrer Eigenständigkeit zu unterstützen. Der regelmäßige Verzehr einer warmen Mahlzeit ist hier ein wichtiger Bestandteil zur Stärkung des Wohlbefindens und um hinsichtlich einer möglichen Mangelernährung mit vorzubeugen. Außerdem hat der regelmäßige Besuch einer Menükurierin oder eines Menükuriers auch einen sozialen Aspekt: Denn so schaut täglich, auch am Wochenende, jemand nach dem Rechten.

Warum sollten man sich für die Zusammenarbeit mit einem Menülieferanten entscheiden?

Die Zusammenarbeit mit einem Menülieferanten hat einen entscheidenden Vorteil: Es entfallen sämtliche Küchenprozesse wie Einkaufen, Lagern, Vorbereiten und Kochen der Menüs. Außerdem spart der Mahlzeitendienst sich dahingehend die Personalkosten. In der Praxis ist es in der Regel so, dass die Menüs, wenn sie nicht selbst gekocht werden, aus einer Großküche aus der Umgebung abgeholt werden. Häufig leidet dann leider die Qualität der Gerichte. Lange Warmhaltezeiten gehen zu Lasten von Vitamingehalt und Optik. Bei tiefgekühlten Menüs, wie wir sie anbieten, werden die Gerichte in unserer Küche in Rheine gekocht und bei -18 C. schockgefrostet. Vor Ort werden die Menüs regeneriert und ausgeliefert oder in unserem FrischeMobil unterwegs schonend zubereitet. Die Menüs haben eine gleichbleibend hohe Qualität und sind speziell auf die Ernährungsbedürfnisse von Seniorinnen und Senioren abgestimmt.

Thema Kostenfaktor. Wie lassen sich die Prozesskosten optimieren?

Die Rahmenbedingungen für Mahlzeitendienste wurden in den letzten Jahren durch politische Entscheidungen erschwert: Der Wegfall von Zivildienstleistenden, die Einführung der Mehrwertsteuerpflicht für Essen auf Rädern und der Mindestlohn sind dabei die größten Faktoren. Mahlzeitendienste stehen daher häufig vor großen organisatorischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Bei apetito haben wir ein Consult-Team, welches bei der Optimierung und Neuausrichtung des Dienstes unterstützt. Dazu gehört beispielsweise eine Tourenoptimierung oder eine Wirtschaftlichkeitsberatung. Gefragt sind darüber hinaus auch einfache Prozesse und wenig Handlingsaufwand bei der Kommissionierung. Dabei unterstützten wir beispielsweise mit der Anlieferung von tageweise gepackter Ware. Die Menüs werden von uns schon vorkommissioniert, so dass täglich vor Ort dann der entsprechende Rolli aus dem Tiefkühllager gezogen und die Menüs in der Tourenreihenfolge zubereitet werden können.

Neben der klassischen Heißauslieferung kann auch eine tiefgekühlte Auslieferung angeboten werden. Warum beides und wo sehen Sie die Vorteile? (siehe auch Infokasten unten)

Das Angebot einer tiefgekühlten Auslieferung hat für den Tischgast einen entscheidenden Vorteil: Er behält ein Stück seiner Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit. Die Seniorinnen und Senioren können selbst entscheiden, zu welcher Zeit sie welches Menü zubereiten möchten, das hat natürlich auch positive Auswirkungen auf die Menüqualität. Außerdem können Tischgäste schon früher an den Mahlzeitendienst gebunden und größere Ausliefergebiete erreicht werden. Auch hier ist wieder der Kostenpunkt ein entscheidender Faktor: Bei der Belieferung mit tiefgekühlten Menüs an die Tischgäste werden keine Zubereitungsgeräte benötigt. Außerdem erfolgt die Auslieferung einmal in der Woche – dadurch werden die Anzahl der Touren deutlich eingekürzt. Bei der Heißauslieferung werden die Menüs täglich heiß bis an die Haustür geliefert – in der Regel auch am Wochenende und an Feiertagen.

Welche Rolle spielt Digitalisierung im Bereich Essen auf Rädern?

Eine sehr wichtige! Auch für Mahlzeitendienste gibt es durch die Digitalisierung Einsparungspotenziale. Ein Beispiel ist hier das Angebot eines Onlineshops. Immer mehr unserer Kunden setzen neben den klassischen Bestellmedien wie dem Bestellabschnitt auf dem Speiseplan auf das Angebot eines Onlineshops. So können beispielsweise auch die Angehörigen, die weiter weg wohnen, sicherstellen das die Seniorinnen und Senioren zuhause abwechslungsreich versorgt werden. Auch der gesamte Verwaltungsaufwand lässt sich durch ein entsprechendes Tool deutlich reduzieren. Es gibt Programme speziell für Mahlzeitendienste, die von der Bestellannahme über die Tourenplanung bis zur Abrechnung ganzheitlich unterstützen. Mit unserem Kundenportal mein.apetito bieten wir darüber hinaus auch ein Tool, mit dem die Speiseplanung und die Bestellung der Mahlzeiten beim Menülieferanten abgewickelt werden können.

Tischgastzahlen erhöhen, ein großes Thema für Mahlzeitendienste. Welche Maßnahmen können auf die Tischgastgewinnung einzahlen?

Ein abwechslungsreiches Speisenangebot ist das Aushängeschild für jeden Mahlzeitendienst – besondere Highlights zu den Feiertagen wie Weihnachten und Ostern oder saisonale Gerichte beispielsweise zur Spargelzeiten sollten auf der Speisekarte stehen. Klassischerweise bieten Mahlzeitendienste auch immer ein Kennlernangebot an, so können interessierte beispielsweise drei Menüs für einen festen Preis einmalig testen. Das erleichtert den Einstieg in den Mahlzeitendienst für Interessierte. Aber auch hier spiegelt sich das digitale Zeitalter wider: Eine ansprechende Website, Suchmaschinenkampagnen und das Bespielen von Social-Media-Kanälen gehören ebenfalls dazu.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, denen Mahlzeitendienste gegenüberstehen?

Viele Mahlzeitendienste sehen sich mit steigenden Personalkosten konfrontiert. Hinzukommen Schwierigkeiten bei der Personalakquise sowohl für die Verwaltung als auch bei der Suche nach Menükurierinnen und -kurieren. Darüber hinaus sehen sich Mahlzeitendienste auch immer öfter mit dem Thema der steigenden Altersarmut konfrontiert. Eine regelmäßig warme Mahlzeit kann sich leider nicht mehr jede Seniorin und jeder Senior leisten. Das wirkt sich auch auf die wirtschaftliche Situation der Mahlzeitendienste aus. Hier muss der Spagat zwischen ureigenstem, karitativen Auftrag eines Sozialverbandes und der unternehmerischen Verantwortung von Kosten-Nutzen-Effizienz gelingen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Wie eingangs schon erwähnt, ist und bleibt Essen auf Rädern ein wichtiger Bestandteil zur Unterstützung von Hochbetagten zuhause. Das Pflegestärkungsgesetz sieht unter anderem vor, dass Seniorinnen und Senioren möglichst lange in der häuslichen Umgebung leben – auch um die stationären Einrichtungen zu entlasten. Demnach sind Leistungen wie der Pflegedienst oder Essen auf Rädern zwingend erforderlich. Essen auf Rädern wird derzeit aber nicht in dem Umfang refinanziert, wie es sein müsste. Politisch wie wirtschaftlich stehen wir vor der größten Herausforderung: einer immer älter werdenden Bevölkerung. Das braucht eine politisch solide Basis, um möglichst lange aktiv einen gesellschaftlich gelingenden Beitrag beisteuern zu können.

Unterschiede zwischen heiß- und tiefgekühlter Auslieferung

Heißauslieferung:

  • Täglich (auch am Wochenende) wird ein heißes Menü ausgeliefert
  • Sozialer Aspekt für Angehörige: Täglich schaut jemand vorbei
  • Abwicklung möglich über einen roulierenden Speiseplan oder der à la Carte Abwicklung (Tischgast kann wöchentlich aus über 200 Menüs auswählen)

Tiefkühlauslieferung:

  • Abwicklung über eine á la Carte Bestellung (Tischgast kann wöchentlich aus über 200 Menüs auswählen)
  • Einmal in der Woche wird ein Menüpaket mit mehreren Menüs ausgeliefert
  • Qualitätsvorteile, da das Menü nicht warmgehalten werden muss
  • Weniger Logistikaufwand, dadurch preiswerter für den Tischgast

Essen auf Rädern modern gedacht

Als erster Verpflegungsanbieter in Deutschland hat apetito ein Auslieferfahrzeug entwickelt, dass das Essen während der Fahrt zubereitet. Gegenüber der klassischen Heißauslieferung können so bis zu 30% der Touren eingespart werden. Das FrischeMobil 4.0 – ein PlugIn-Menüofen passt in den Kofferraum aller gängigen Kastenwagentypen. Der Ofen bietet Platz für mindestens 32 Menüs zuzüglich Vorsuppen, Salate, Desserts und Kuchen. Der Ofen wird vor Ort bestückt, die Zubereitung erfolgt während der Fahrt.

Lesen Sie in der Juni-Ausgabe von Häusliche Pflege wie Mahlzeitendienste den Herausforderungen mit klugen Konzepten begegnen.

Podcast: Ernährung im Alter

Die Versorgung von Senioren mit gesunden, warmen Mahlzeiten ist nicht nur eine Frage der Ernährung, sondern auch der sozialen Teilhabe. Gerade in ländlichen Regionen, in denen klassische Versorgungsstrukturen oftmals wegfallen, gewinnt der Mahlzeitendienst zunehmend an Bedeutung. Ein Beispiel ist der DRK Kreisverband Cloppenburg, der seit 24 Jahren Essen auf Rädern anbietet. Im Podcast der Redaktion Altenheim in Kooperation mit apetito gibt Jan Hoffmann, Geschäftsführer des DRK Kreisverbands Cloppenburg, spannende Einblicke in die Herausforderungen und Innovationen seines Dienstes. https://ernaehrung-im-alter.podigee.io/#latest-episode-player