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Steigender Pflegebedarf: Warum stationäre Pflege keine demografische Zwangsläufigkeit ist
Kanzleramtschef Thorsten Frei erklärt den steigenden Bedarf an stationärer Pflege mit demografischen Zwängen. Bodo de Vries, Sprecher der Initiative Pro Pflegereform, hält dagegen: Nicht Demografie treibt die Menschen ins Heim, sondern politische Versäumnisse bei der Stärkung häuslicher und quartiersnaher Pflege. Der „Heimsog“ ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis fehlender Strukturreformen. Ein Kommentar.
Die Aussage von Kanzleramtschef Thorsten Frei zum steigenden Bedarf der stationären Versorgung ist demografisch nicht falsch – aber sie wird zum Problem, wenn sie als unvermeidliches Schicksal verstanden wird. Genau hier zeigt sich eine fatale Fehlwahrnehmung in der aktuellen Pflegepolitik: Statt die strukturellen Weichen zu stellen, um Menschen auch bei steigendem Pflegebedarf ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen, wird der „Heimsog“ als Naturgesetz hingenommen.
Pflege wird primär als Kostenfaktor betrachtet, nicht als gesellschaftliche Aufgabe. Die eigentliche Frage lautet aber: Wie schaffen wir es, dass Menschen trotz Pflegebedürftigkeit dort leben können, wo sie es wünschen – nämlich zu Hause? Statt über unvermeidlich steigende Heimquoten zu spekulieren, müssten wir über massive Investitionen in ambulante sowie quartiersbezogene Infrastruktur und die Unterstützung pflegender Angehöriger sprechen.
Schon heute muss ein Großteil der ambulanten Pflegedienste Neukunden ablehnen
Schon heute muss ein Großteil der ambulanten Pflegedienste Neukunden ablehnen – nicht, weil die Nachfrage nicht da wäre, sondern weil schlicht das Personal nicht vorhanden ist. Gleichzeitig bleiben aufgrund des Fachkräftemangels immer mehr Pflegebetten leer. Das heißt: Der von Frei prognostizierte Anstieg des stationären Pflegebedarfs ist keine demografische Notwendigkeit, sondern die Folge politischen Versagens bei der Stärkung der häuslichen Pflege. Zudem ignoriert die Aussage die demografischen Realitäten auf der Anbieterseite: Wer wird denn in den Heimen arbeiten, um all diese zusätzlichen Menschen zu pflegen? D
ie Heimquoten werden sich regional unterschiedlich entwickeln und maßgeblich von der jeweiligen örtlichen Pflegeinfrastruktur abhängen. Je nachdem, wie die lokalen Versorgungsstrukturen ausgebaut sind, wird sich die Pflege entweder verstärkt familial bzw. ambulant oder stationär organisieren. Auch darauf kann Politik einwirken. Derzeit werden knapp 5 Millionen Menschen von Angehörigen zu Hause gepflegt.
Statt ihre Leistung durch ausreichende Entlastungsangebote, flexible Budgets und verlässliche Infrastruktur abzusichern, nimmt die Politik ihre Überlastung stillschweigend in Kauf und plant bereits mit den Folgen: mehr Heimunterbringungen. Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die Initiative Pro-Pflegereform hat mit wissenschaftlicher Fundierung einen anderen Weg aufgezeigt: Wir brauchen eine Überwindung der starren Sektorengrenzen zwischen ambulant und stationär. Menschen wollen so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld leben.
Notwendig sind flexible, modulare Pflegearrangements
Dafür benötigen wir flexible, modulare Pflegearrangements, die professionelle Pflege mit der Unterstützung durch Angehörige und Zivilgesellschaft verbinden – und zwar so, dass beides auskömmlich finanziert ist. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum „Zukunftspakt Pflege“ hat hierfür ansatzweise die richtigen Themen benannt: Stärkung der häuslichen Pflege, Prävention, Entlastung pflegender Angehöriger, Begrenzung der Eigenanteile. Doch die Roadmap bleibt vage und vertagt die entscheidenden Strukturreformen erneut.
Wenn wir jetzt nicht massiv in ambulante und teilstationäre Versorgungsstrukturen sowie den Ausbau der Quartiersversorgung investieren, wenn wir pflegende Angehörige nicht systematisch entlasten und finanziell absichern, dann werden Menschen tatsächlich immer mehr Menschen „ins Heim müssen“ – nicht weil sie es wollen oder weil es medizinisch notwendig wäre, sondern weil keine Alternativen mehr existieren. Die mögliche Rückkehr zu Mehrbettzimmern wäre nur ein Symbol für dieses Versagen. Schlimmeres droht mit der Umsetzung sog. „Eigeneinrichtungen“ durch die Kommunen, mit denen pflegebedürftige „Systemsprenger“, die kein Träger will, an den Rand der Städte wegsegregiert werden.
So reagiert die Politik auf die drohende Versorgungsnot. Das ist aber kein Fortschritt, sondern die Renaissance jahrhundertealter Ausgrenzungsmuster, die bereits Foucault hinreichend als soziale Konstruktion des Umgangs mit Abweichung beschrieben hat – nur unter den Vorzeichen moderner Pflegeinfrastruktur und ökonomischer Rationalisierung.
Weil die Politik die häusliche Pflege und Quartiere nicht ausreichend stärkt und Strukturreformen weiter vertragt, steigt der Bedarf an stationären Plätzen. Das ist keine demografische Zwangsläufigkeit, sondern politisch hausgemacht. Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel: Pflege muss als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden werden. Das erfordert Mut zu strukturellen Reformen und den Willen, die dafür notwendigen Mittel bereitzustellen, anstatt nur steigende Kosten wegzureformieren.
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