Demenz
Kulturelle Pflicht, systemisches Versagen: Die doppelte Last türkeistämmiger Pflegender
98 Prozent der türkeistämmigen Familien pflegen ihre demenzkranken Angehörigen zu Hause – deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Forschende haben nun erstmals analysiert, was Betroffene in sozialen Medien berichten. Die Befunde: jahrelanger Überforderungsmodus, körperliche Beschwerden, ein schwer zugängliches Hilfesystem und die Last einer kulturell verankerten Verantwortung, die kaum Grenzen kennt.
Während in Deutschland insgesamt etwa 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden, liegt dieser Anteil in türkeistämmigen Familien laut der Studie bei 98 Prozent. Ein Forschungsteam um Kübra Annac von der Universität Witten/Herdecke hat nun 123 Beiträge auf Instagram, Facebook, TikTok, YouTube und in Online-Foren mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Der methodische Ansatz soll Verzerrungen umgehen, die bei klassischen Interviews durch Scham oder soziale Erwünschtheit entstehen können.
Die Analyse identifiziert drei zentrale Themenbereiche: psychische und physische Belastungen, Kritik am Gesundheitssystem sowie den Umgang mit der Pflegeverantwortung.
Chronische Erschöpfung auf mehreren Ebenen
Die Beiträge dokumentieren eine enge Verflechtung körperlicher und seelischer Überlastung. Pflegende berichten von jahrelangem Überforderungsmodus, Schlafmangel und körperlichen Beschwerden durch die physisch anspruchsvolle Versorgung. Besonders die Mehrfachbelastung durch Beruf, eigene Familie und Pflege führe an die Belastungsgrenze. Laut der Studie handelt es sich bei den Betroffenen überwiegend um Frauen mittleren Alters – ein Hinweis auf die geschlechtsspezifische Zuschreibung der Pflegeverantwortung.
Bürokratie und fehlende kultursensible Angebote
Deutliche Kritik äußern die Nutzer:innen am deutschen Gesundheitssystem. Der Zugang zu Pflegegeld und Entlastungsangeboten wird als mühsam beschrieben, verschärft durch mangelnde Deutschkenntnisse und fehlendes Wissen über das Versorgungssystem. Pflegende beklagen zudem die geringe gesellschaftliche Anerkennung ihrer Arbeit. Kultursensible und mehrsprachige Pflegeangebote, die religiöse und kulturelle Bedürfnisse berücksichtigen, fehlen laut den Beiträgen weitgehend – ein Grund, weshalb sich viele zur häuslichen Pflege verpflichtet fühlen.
Pflicht und Ressource zugleich
Die Pflegeverantwortung erscheint in den Beiträgen als moralische und religiös verankerte Selbstverständlichkeit. Formulierungen wie „das Paradies liegt unter den Füßen unserer Mütter“ verdeutlichen die stark internalisierte Verpflichtung. Gleichzeitig kann diese kulturelle Verankerung auch stabilisierend wirken: Die Pflege werde als Ausdruck von Liebe und Verbundenheit erlebt und könne zur psychischen Resilienz beitragen – vorausgesetzt, die Familie teile die Belastung. Unterstützende Ehemänner werden als wesentlicher Erfolgsfaktor genannt.
Handlungsbedarf für die Praxis
Die Autor:innen leiten aus den Befunden konkrete Empfehlungen ab: muttersprachliche Case-Manager:innen, interkulturelle Pflegeberatungsstellen, Schulungen für Pflegepersonal in diversitätssensibler Kommunikation sowie die gezielte Förderung digitaler Selbsthilfe-Communities. Die Studie wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss gefördert.
Methodisch räumen die Forschenden ein, dass die Analyse auf einer selbstselektiven, digital affinen Gruppe basiert und ältere Pflegende oder Angehörige der ersten Einwanderungsgeneration möglicherweise unterrepräsentiert seien.
Die vollständige Studie ist Open Access in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie erschienen: https://www.springermedizin.de/demenz/demenz/erfahrungen-von-tuerkeistaemmigen-pflegenden-angehoerigen-von-me/51937522
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