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Nachbarschaftshilfe in Sachsen-Anhalt: Über 4.000 Freiwillige helfen Pflegebedürftigen

Tausende geschulte Ehrenamtliche unterstützen in Sachsen-Anhalt pflegebedürftige Menschen im Alltag: von Einkäufen bis zur Arztbegleitung. Das Projekt wächst, doch viele Betroffene kennen das Angebot noch nicht oder scheuen sich, Hilfe anzunehmen.

Foto: AdobeStock/sculpies

Über 4.000 Menschen haben sich in Sachsen-Anhalt seit dem Start des Projekts im Jahr 2023 als Nachbarschaftshelfer schulen und registrieren lassen, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Sie kaufen für Pflegebedürftige ein, begleiten sie zu Ärzten oder Behörden und helfen im Haushalt. Das Ziel: Menschen sollen trotz Einschränkungen möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben können. „Der Bedarf ist immens groß“, sagt Stefanie Hamacher von der Landeskoordinierungsstelle Nachbarschaftshilfe Sachsen-Anhalt.

Mehr als praktische Hilfe – soziale Teilhabe als Kern

Dass es bei der Nachbarschaftshilfe um weit mehr geht als Alltagserledigungen, betonen sowohl Helfer als auch Fachleute. „Es geht darum, die soziale Teilhabe zu stärken, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Zeit zu verbringen“, sagt Hamacher laut dpa. Die Magdeburgerin Kerstin Kränzel, selbst Nachbarschaftshelferin, geht etwa einmal wöchentlich mit einer 80-jährigen Pflegebedürftigen einkaufen. „Sie kommt sonst nicht raus“, sagt Kränzel über die Frau, deren Mobilität durch eine fortschreitende Erkrankung stark eingeschränkt sei. Ohne solche Begleitung drohe Vereinsamung – ein Faktor, der laut Experten häufig dazu führt, dass ein Umzug ins Pflegeheim früher nötig wird.

Scham und Informationslücken bremsen die Nachfrage

Trotz des wachsenden Angebots nutzen viele Pflegebedürftige ihre Ansprüche nicht. Laut AOK Sachsen-Anhalt hatten im vergangenen Jahr über 103.000 Versicherte Anspruch auf den monatlichen Entlastungsbetrag von 131 Euro, den auch Nachbarschaftshelfer über die Pflegekasse abrechnen können. Nur 56,7 Prozent nahmen ihn in Anspruch. Gleichzeitig stieg die Zahl der Anspruchsberechtigten laut AOK um gut 23 Prozent – eine Folge des demografischen Wandels.

Hamacher, die für den Projektträger Gesellschaft für Prävention im Alter arbeitet, sieht mehrere Ursachen: Viele Menschen seien schlecht informiert und hätten oft einen langen Weg über verschiedene Anlaufstellen hinter sich, bevor sie in der Beratung landeten. Hinzu komme Scham. „Viele schämen sich, überhaupt einen Pflegegrad zu beantragen“, sagt sie laut dpa. Der Gedanke, was Nachbarn denken könnten, wenn ein Pflegedienstauto vor dem Haus stehe, sei für viele eine Hürde. Dabei ist gerade die niedrigschwellige Nachbarschaftshilfe ein Weg, Unterstützung ohne solche sichtbaren Zeichen zu erhalten – und damit ein Baustein, der Pflegebedürftigen den Verbleib in der eigenen Wohnung erleichtert.

Deutliches Wachstum bei Helfern und Schulungen

Die Zahlen der AOK Sachsen-Anhalt zeigen, dass das Projekt zunehmend ankommt: Im ersten Jahr nutzten 299 AOK-Versicherte die Nachbarschaftshilfe, inzwischen sind es laut dpa bereits 1.814. Auch die Zahl der Schulungen steigt stetig – von 46 im Jahr 2024 auf 63 im vergangenen Jahr. Für dieses Jahr sind laut Hamacher 97 Schulungen geplant. In jeweils acht Einheiten à 45 Minuten lernen die Freiwilligen, welche Aufgaben sie übernehmen dürfen und wo Grenzen liegen: Pflegerische oder medizinische Tätigkeiten gehören ausdrücklich nicht dazu.

Die Nachbarschaftshilfe wird zu 70 Prozent von Frauen geleistet, viele davon im Rentenalter. „Die Kinder sind raus, die zeitlichen Ressourcen sind wieder da“, beschreibt Hamacher das typische Profil. Großes Potenzial sieht sie noch bei Studierenden und jüngeren Berufstätigen. Das Projekt ist vorerst bis Ende dieses Jahres befristet – ab September stehen die ersten Auffrischungsschulungen an.