Digitalisierung
Kasseler Hausnotruftage: Wie der Hausnotruf zum Präventionsinstrument werden soll
Die dritten Kasseler Hausnotruftage haben gezeigt, dass der Hausnotruf vor einem doppelten Umbruch steht. Die Technik für eine digitale Weiterentwicklung ist vorhanden – doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Verzahnung mit der Pflege und in tragfähigen Finanzierungsmodellen.
Vom 3. bis 5. März 2026 traf sich die Hausnotruf-Branche in Kassel zur dritten Auflage der Kasseler Hausnotruftage, die zugleich als DRK-Bundesfachtagung Hausnotruf stattfanden. Fachvorträge, Workshops, eine Fachmesse und Podiumsdiskussionen bildeten den Rahmen. Zwei Leitfragen standen laut der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ) im Zentrum: Gelingt dem Hausnotruf der Sprung von der analogen Systemlogik in die digitale Welt? Und kann er eine tragende Rolle spielen, wenn die Bundesregierung die Pflegeversicherung stärker auf Prävention ausrichtet?
Der Hausnotruf existiert seit rund fünf Jahrzehnten. Aus dem analogen Notrufknopf ist inzwischen eine Plattform geworden, die Sprache, Sensordaten und digitale Assistenzsysteme miteinander verbindet. Formal ist der Dienst als Pflegehilfsmittel im Hilfsmittelkatalog der Kassen gelistet. In der Praxis allerdings arbeiten Hausnotruf und Pflege laut DGQ-Fachreferent Holger Dudel weitgehend nebeneinander statt miteinander. Das Personal in den Notrufzentralen habe bislang wenige fachliche Berührungspunkte mit pflegerischen Prozessen. Dudel brachte diese Kluft laut dem DRK-Bericht auch in der Podiumsdiskussion auf den Punkt.
Ein konkretes Problem benennt die DGQ: Pflegemitarbeitende übernehmen häufig zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben den Hintergrund- oder Schlüsseldienst für den Hausnotruf – eine Mehrbelastung für eine Berufsgruppe, die ohnehin unter erheblichem Zeit- und Ressourcendruck steht. Die Herausforderung liege nicht mehr in der technischen Entwicklung, sondern in der Umsetzung. Technologie müsse zuverlässig funktionieren und sich nahtlos in den Alltag der Nutzer:innen integrieren.
Unter dem provokanten Titel „Zukunftsfest oder Kodak-Moment – Wie besteht der Hausnotruf im digitalen Zeitalter?“ diskutierten Anna Bittner (DRK Mitteldeutsche Hausnotruf und Service gGmbH), Lena Schmidt (DRK Hamburg Soziale Dienste Eimsbüttel GmbH), Jonas Albert (fbeta GmbH), Holger Dudel (BIVA Pflegeschutzbund/DGQ) und Daniel Basalla (Bundesverband Hausnotruf e. V.).
Die zentrale Spannung der Debatte: Der Hausnotruf steht laut DGQ häufig am Beginn der Versorgungskette und könnte frühzeitig Hinweise auf Unterstützungs- oder Pflegebedarfe liefern. Dieses Potenzial werde bislang kaum ausgeschöpft. Der Lösungsansatz des Panels war pragmatisch: Administrative Prozesse in der Pflege müssten stärker digitalisiert werden, damit wieder mehr Zeit für die direkte Arbeit mit den Pflegebedürftigen entstehe. Als konkrete Instrumente wurden Digitale Pflegeanwendungen (DiPA) und Telemedizin genannt.
Die im Hausnotruf entstehenden Daten könnten laut DGQ weit mehr leisten als akute Hilfe zu organisieren. Bewegungsprofile, Sensorinformationen und Hinweise auf Veränderungen im Alltag könnten dazu beitragen, Pflegeprozesse frühzeitig anzupassen, Risiken zu erkennen und Versorgungsbedarfe besser zu planen. Die Verbindung von Assistenzsystemen, Datenanalyse und künstlicher Intelligenz könne Pflege präventiver, effizienter und individueller machen.
Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels gewinne dieser Ansatz an Gewicht: Wenn administrative Abläufe digital unterstützt und vorhandene Daten intelligent ausgewertet würden, entstehe mehr Raum für Beziehungsarbeit und direkte Zuwendung.
Bei aller Digitalisierungseuphorie betont die DGQ einen Punkt nachdrücklich: Die persönliche Stimme in der Notrufzentrale bleibe ein Alleinstellungsmerkmal des Systems und ein entscheidender Faktor für das Sicherheitsgefühl der Nutzer:innen. Digitalisierung solle das bestehende System intelligenter machen – nicht die menschliche Betreuung ersetzen.
Damit der Hausnotruf tatsächlich zu einem Baustein einer modernen, datenbasierten Versorgungsstruktur werden kann, braucht es laut DGQ passende Finanzierungsmodelle und klare politische Rahmenbedingungen. Der DRK formuliert als Handlungsempfehlungen: Synergien besser nutzen, digitale Sichtbarkeit aufbauen und den Schritt von der Innovation zur konkreten Umsetzung wagen.
Ob der Hausnotruf den „Kodak-Moment“ vermeidet oder zur Schnittstelle zwischen Technik und präventiver Pflege wird, hängt damit nicht zuletzt davon ab, wie schnell sich Pflegedienste, Notrufanbieter und Politik auf gemeinsame Strukturen verständigen.
Weitere Informationen zu den Kasseler Hausnotruftagen 2026 finden sich im DGQ-Blog sowie auf der Veranstaltungsseite des DRK.
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