Personal
23 Probezeit-Kündigungen in einem Jahr: Pflegeunternehmerin löst Debatte über Arbeitsmoral aus
Ein LinkedIn-Beitrag der Pflegeunternehmerin Sara Tsiakalidis, Pflegedienst Jacobus GmbH aus Essen, sorgt für hitzige Diskussionen in der Branche. Sie berichtet von 23 Kündigungen innerhalb der Probezeit binnen eines Jahres und macht Unzuverlässigkeit neuer Mitarbeitender als zweites strukturelles Problem neben dem Fachkräftemangel aus.
Tsiakalidis beschreibt auf LinkedIn ungewöhnlich offen, warum sie sich im laufenden Jahr von 23 Beschäftigten in der Probezeit getrennt habe. Die Schilderungen reichen von einer Mitarbeiterin, die nach drei Tagen Mitfahrt in der Einarbeitung wochenlang wegen Rückenschmerzen ausgefallen sei, über eine Beschäftigte, deren Großmutter innerhalb der Probezeit „gefühlt siebenmal“ verstorben sei, bis zu einem angeblich „explodierten Auto“ mit überlebendem Fahrer. In anderen Fällen sei eine sterbende Mutter als Ausfallgrund angegeben, die betreffende Person dann jedoch mit ebendieser Mutter beim Eisessen gesehen worden. Die Ausfälle hätten sich auffällig auf Wochenenden, Frühdienste und belastende Touren konzentriert.
Die Unternehmerin grenzt sich in ihrem Beitrag explizit von der Rolle des „bösen Arbeitgebers“ ab. Ihre These: Während verlässliche Pflegekräfte Doppelschichten übernähmen und den Betrieb stabilisierten, betrachteten manche neu Eingestellte die ambulante Pflege als „bezahltes Ausruhmodell mit Kündigungsschutz deluxe“. Der Fachkräftemangel allein zerstöre die Pflege nicht – Unzuverlässigkeit tue es ebenso. Ihre Mitarbeitenden, schreibt Tsiakalidis, führen inzwischen lieber zwölf Tage Teildienste am Stück, als erneut mit den beschriebenen Kollegen zusammenzuarbeiten.
Die rund 87 Kommentare unter dem Beitrag spiegeln eine gespaltene Branchenstimmung. Ein Teil der Kommentierenden bestätigt das Muster aus eigener Erfahrung. Eine Mutter eines pflegebedürftigen Kindes berichtet, ihren Pflegedienst aufgegeben zu haben, weil Dienste kurzfristig abgesagt oder ständig wechselnde Mitarbeitende geschickt worden seien; sie organisiere die Versorgung ihrer Tochter inzwischen mit dem Vater und einer befreundeten Kinderkrankenschwester. Aus Seminarkontexten wird beschrieben, dass Mitarbeitende sich „pünktlich zum Wochenende“ abmeldeten und Kollegialität zum Fremdwort werde.
Andere Stimmen kritisieren scharf den Ton des Beitrags. Eine Kommentatorin wirft Tsiakalidis vor, mit Formulierungen wie „Ansprüche wie ein Chefarzt“ schon bei der Einstellung eine „vergiftete Rhetorik“ zu pflegen, die menschliche Bedürfnisse ignoriere. Eine weitere Person hält den Beitrag für „respektlos allen Pflegefachkräften gegenüber“ und vermutet primär Aufmerksamkeitsmotive.
Mehrere Kommentierende verlagern die Debatte auf strukturelle Fragen. Ein Außenstehender fragt nach Auswahlverfahren, Bewerberprofilen, dem Verhältnis von Quantität zu Qualität im Recruiting sowie nach Gehalt im Verhältnis zum Arbeitsumfang – und vermutet, dass die Personalnot dazu zwinge, „solange Kies zu waschen, bis man ein Goldkörnchen findet“.
Eine Marktbegleiterin, die internationale Pflegefachkräfte vermittelt, argumentiert, kurzfristige Stellenbesetzung reiche nicht aus. Nachhaltige Entlastung entstehe nur durch Begleitung bei Sprache, Anerkennung, Alltag, organisatorischer Integration und sogar beim Führerscheinerwerb. Eine Führungskräfte-Stimme aus den Kommentaren fordert, Tarifstrukturen müssten eine Basis absichern, Leistung, Verantwortung und Flexibilität jedoch wieder stärker honorieren – andernfalls werde nicht Engagement, sondern „Anpassung an das System“ belohnt. Andernfalls drohten Hochleistende abzuwandern: „High Performer akzeptieren Belastung – aber keine dauerhafte Ungerechtigkeit.“ (ck)
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