APM2026

Ambulante Pflege unter Druck: Refinanzierung, Fachkräftemangel und steigende Insolvenzen

Die ambulante Pflegebranche steht vor massiven wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. Michael Greiner, Mitglied der erweiterten Bundesgeschäftsführung des Bundesverbands Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (bad) e. V. und Leiter der Geschäftsstelle Mitte, ordnet im Interview die drängendsten Probleme ein. Zum Thema „Ablehnung ärztlich verordneter Leistungen“ spricht er auch beim ALTENPFLEGE Messekongress.

Michael Greiner ist Referent beim ALTENPFLEGE Messekongress Foto: bad e.V.

Häusliche Pflege: Sie werden am 21. April 2026 einen Impulsvortrag zur Ablehnung ärztlich verordneter Leistungen halten und den Pflegediensten Tipps zum Umgang mit diesem Thema geben. Was erwartet die Zuhörer?

Michael Greiner: Mein Fokus wird auf der Darstellung der jüngsten Abwicklungsprobleme im Zuge des Genehmigungsverfahrens liegen. Hierbei greifen wir insbesondere auf die Rückmeldungen und Problemanzeigen unserer Dienste zurück und können auf diese Weise aus erster Hand von den aktuell auftretenden Problemen an der Basis berichten.

Kostenablehnungen, fehlende Fristen und mangelnde Einbeziehung des Medizinischen Dienstes

Häusliche Pflege: Welches Fallbeispiel fällt Ihnen hierzu spontan ein?

Michael Greiner: Da kommen mir direkt mehrere aktuelle Sachverhalte in den Sinn, zum einen etwa eine Kostenablehnung für die Unterstützungspflege, aufgrund eines beantragten Pflegegrades; zum anderen die Verweigerung der Kostenübernahme aufgrund einer nicht fristgerecht eingereichten Verordnung oder aber die in der Praxis oftmals fehlende Einbeziehung des Medizinischen Dienstes.

Häusliche Pflege: Welche Möglichkeiten haben Pflegedienste in solchen Fällen? Ist nicht der Versicherter hier eigentlich in der Bringschuld?

Michael Greiner: Aus meiner Sicht gilt es, zwischen Theorie und Praxis zu differenzieren. Anhand der Gesetze und Richtlinien ist offiziell der Versicherte Antragsteller und auch Adressat der Entscheidung über seinen Antrag. Allerdings sind Versicherte und Angehörige hier zumeist dankbar, hilfreiche Hinweise und grundlegende Unterstützung seitens der Dienstleister zu erhalten. Und in gewisser Weise geschieht dies auch nicht ohne jegliches Eigeninteresse der Dienste.

Wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen als zentrale Forderung

Häusliche Pflege: Der bad e. V. steht nicht nur beim begleitenden Kongress der ALTENPFLEGE Messe auf der Agenda, sondern ist auch in der Messehalle mit einem eigenen Stand vertreten (Halle 8, Stand 8-212). Welche Kernaussagen stehen im Mittelpunkt Ihres Messeauftritts?

Michael Greiner: Unser Messeauftritt steht unter einem klaren Leitgedanken – die Pflege braucht endlich wirtschaftlich tragfähige und verlässliche Rahmenbedingungen, um ihre Versorgungsaufgabe erfüllen zu können. Im Zentrum stehen dabei für uns mehrere Kernbotschaften:

Erstens: Die mangelhafte Refinanzierung erbrachter Leistungen bringt viele Pflegedienste an ihre wirtschaftlichen Grenzen. Tarifsteigerungen, Sachkosten, Energiepreise und bürokratische Anforderungen steigen, ungeachtet plötzlicher Ereignisse wie dem aktuellen Iran-Konflikt und dem damit verbundenen Anstieg der Kraftstoffpreise, kontinuierlich – Vergütungsanpassungen erfolgen jedoch häufig zeitverzögert und wahrlich nicht immer kostendeckend. Das führt zu wachsendem wirtschaftlichem Druck.

Zweitens: Die demografische Entwicklung verschärft den Handlungsdruck massiv. Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt kontinuierlich, während gleichzeitig weniger Erwerbstätige zur Verfügung stehen. Auch ist damit einhergehend der Pflegekraftmangel längst Realität und beeinträchtigt die Versorgungssicherheit in der ambulanten Pflege spürbar. Diese Schere wird sich weiter öffnen – und sie erfordert strukturelle Antworten statt kurzfristiger Übergangslösungen.

Drittens: Die zunehmende Zahl an Insolvenzen ist ein alarmierendes Signal. Wenn ambulante Pflegedienste vom Markt verschwinden, ist die häusliche Versorgungsstruktur in ernsthafter Gefahr. Die Folgen tragen neben den Dienstbetreibern dann auch Pflegebedürftige, Angehörige und Mitarbeitende.

Neue ambulante Qualitätsprüfungs-Richtlinien ab Juli 2026

Häusliche Pflege: Eine zusätzliche große Herausforderung für die ambulante Pflege in den kommenden Monaten ist die Einführung der neuen ambulanten Qualitätsprüfungs-Richtlinien (QPR) zum 1. Juli 2026. Welche Auswirkungen erwarten Sie – und wie unterstützt der bad e. V. seine Mitglieder bei dieser Neuorientierung?

Michael Greiner: Die Einführung der neuen ambulanten QPR markiert einen bedeutenden Einschnitt für die Pflegedienste. Mit ihr verändert sich die Prüfsystematik, teils grundlegend. Für viele Dienste bedeutet das eine organisatorische und fachliche Neuausrichtung – bei gleichzeitig ohnehin hoher Belastung durch Personalmangel und wirtschaftlichen Druck. Der bad e. V. bietet seinen Mitgliedern für diese Umstellung ein umfangreiches Hilfspaket an, das sich zusammensetzt aus vielfältigen Arbeitsmaterialen – unter anderem unser komplett überarbeitetes bad-Handbuch „Qualitätsmanagement in der ambulanten Pflege“ – sowie Schulungen, Qualitätszirkel, Intensiv-Workshops und natürlich auch individuell zugeschnittene Beratungsangebote.

Interview: Lukas Sander

Michael Greiner ist Referent beim ALTENPFLEGE Messekongress.