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Caritas warnt vor Romantisierung des assistierten Suizids

Der Deutsche Caritasverband kritisiert die Medienberichterstattung zum Tod von Alice und Ellen Kessler scharf. Die ausführliche Darstellung des assistierten Suizids der prominenten Zwillinge könne gesellschaftlichen Druck auf ältere Menschen verstärken und Nachahmungssuizide auslösen.

Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa
Foto: Caritas

Die Caritas sieht in der aktuellen Berichterstattung über den Tod der Kessler-Zwillinge eine Gefahr für vulnerable Gruppen. „Wir sind sehr besorgt, dass die ausführliche Berichterstattung und Romantisierung des assistierten Suizids des Schwesternpaars einen gesellschaftlichen Druck verstärkt, den wir schon seit einigen Jahren beobachten“, erklärt Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa. Besonders alte Frauen sähen sich zunehmend in der Verantwortung, niemandem zur Last zu fallen, und nähmen Angebote für assistierten Suizid als zu prüfende Handlungsoption wahr.

Detaillierte Schilderungen und Idealisierung problematisch

Laut Caritas beschreiben Medien in ihrer Berichterstattung häufig Schritt für Schritt die genaue Todesursache und die Art der Suizidassistenz. An einigen Stellen werde sogar Werbung für die Organisation gemacht, die die Schwestern unterstützt habe. Der Freitod der prominenten Zwillinge werde dabei teilweise idealisiert. Der Wunsch, „vereint“ zu sterben, weil sie nicht „ins Heim“ wollten, erscheine fast durchgängig als souveräne Entscheidung. Inwieweit dieser Wunsch als Ausdruck von Ausweglosigkeit und Verzweiflung zu werten sei, gegen die das soziale Umfeld hätte etwas tun können, werde kaum gefragt, kritisiert der Verband.

Der Deutsche Caritasverband verweist auf den wissenschaftlich belegten Werther-Effekt. „Es ist unbestritten: jedes Mal, wenn bekannte Personen sich das Leben nehmen und darüber breit in der Presse berichtet wird, gibt es einen messbaren Anstieg von Suiziden“, so Welskop-Deffaa. Wenn dazu ergreifende Geschichten über die Motive erzählt würden, spreche das insbesondere Menschen ähnlichen Alters oder mit ähnlichen Gedanken an, weil sie sich damit identifizieren könnten. Dies führe nachgewiesenermaßen zu Nachahmungssuiziden.

Der Verband nimmt die problematische Berichterstattung zum Anlass, nachdrücklich auf die Empfehlung des Nationalen Suizidpräventionsprogramms zur Berichterstattung in Medien hinzuweisen. Diese beschreibe klar, wie über Suizide berichtet werden solle. Wichtig sei, Todeswünsche ernst zu nehmen, Gesprächsangebote zu schaffen und gleichzeitig Nachahmungsideen so früh wie möglich abzuwehren.

Forderungen nach gesetzlichen Maßnahmen

„Statt Werbung für das vermeintlich einfache Lebensende braucht es eine Verbesserung der Suizidprävention sowie einen Ausbau von Hospizplätzen“, fordert Welskop-Deffaa. Der Deutsche Caritasverband verlangt mit Nachdruck die gesetzliche Verankerung von Maßnahmen der Suizidprävention. Dazu zähle beispielsweise ein Werbeverbot für Organisationen, die beim Suizid unterstützen, mit anderen gesetzlichen Regulierungen der Suizidassistenz.

Neben umfassenden Beratungsangeboten fordert die Caritas auch die Methodenrestriktion, die eine spontane Umsetzung von Sterbewünschen erschweren solle – wie der Bau von Mauern und Zäunen an Hotspots entlang von Brücken und Zugtrassen. Der Verband plädiert seit langem für eine Verbesserung der Suizidprävention in Deutschland.