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Mehr Amputationen bei Diabetes – Armut als Risikofaktor

Die ambulante Versorgung von Menschen mit Diabetes ist sozial ungleich verteilt – mit gravierenden Folgen. In ärmeren Regionen Deutschlands wird deutlich häufiger amputiert als in wohlhabenden Gegenden. Darauf weist das Epidemiologische Bulletin des Robert Koch-Instituts hin. In sozioökonomisch benachteiligten Regionen liegt die Rate diabetesbedingter Amputationen demnach nahezu doppelt so hoch wie in besser gestellten Gebieten.

Foto: Adobestock/Dorde Diabetes muss erkannt und behandelt werden.

Bereits früh zeigen sich Defizite in der ambulanten Vorsorge. Regelmäßige Fußkontrollen, konsequente podologische Versorgung und die frühzeitige Behandlung chronischer Wunden greifen vielerorts nicht zuverlässig. Gerade in strukturschwachen Regionen fehlen verbindliche Versorgungsstrukturen, klare Zuständigkeiten und funktionierende interdisziplinäre Netzwerke. Die Folge sind verspätete Diagnosen und fortgeschrittene Krankheitsverläufe mit deutlich erhöhtem Amputationsrisiko.

Nach jahrelangem Rückgang steigen die Majoramputationen seit 2020 wieder an. Bei Männern nahmen sie bis 2023 um sechs Prozent zu, bei Frauen stagnierten sie. Noch stärker wuchsen die Minoramputationen unterhalb des Sprunggelenks, mit einem Plus von elf Prozent bei Männern und fünf Prozent bei Frauen. Insgesamt wurden 2023 bei Diabetespatientinnen und -patienten ab 15 Jahren 8.048 Majoramputationen und 32.246 Minoramputationen durchgeführt.

Vor allem Männer sind betroffen

Die sozialen Unterschiede ziehen sich durch alle Auswertungen des Epidemiologischen Bulletins. Männer sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Frauen, das Risiko steigt mit dem Alter. Ausschlaggebend ist jedoch der soziale Kontext. In ärmeren Gegenden treffen höhere Krankheitslast, geringere Gesundheitskompetenz und eingeschränkter Zugang zur ambulanten Versorgung zusammen. Prävention erreicht diese Gruppen deutlich seltener.

Auch im internationalen Vergleich fällt Deutschland negativ auf. Die Majoramputationsrate liegt mit 8,6 pro 100.000 Einwohner über dem Durchschnitt der OECD von 7,2. Bei Minoramputationen beträgt die Rate 34,6 pro 100.000 und liegt damit mehr als doppelt so hoch wie der OECD-Schnitt von 14,3. Das Epidemiologische Bulletin stellt klar, dass die hohe Diabetesprävalenz diese Unterschiede nur teilweise erklärt und zugleich auf Defizite in der ambulanten Versorgungsqualität verweist.

Fachlich gilt als gesichert: Ein Großteil der Amputationen wäre bei frühzeitiger, strukturierter und interdisziplinär abgestimmter Behandlung des diabetischen Fußsyndroms vermeidbar. Das Epidemiologische Bulletin des RKI macht jedoch deutlich, dass diese Prävention sozial selektiv wirkt. Wer in einer armen Region lebt, trägt ein deutlich höheres Amputationsrisiko.

Praxistipp: Diabetische Fußpflege konsequent umsetzen

Vor dem Hintergrund steigender Amputationszahlen gewinnt die tägliche Fußpflege bei Menschen mit Diabetes weiter an Bedeutung, wie in der Fachzeitschrift Häusliche Pflege bereits im März 2024 ausgeführt wurde. Diabetes mellitus beeinträchtigt die Fußgesundheit gleich mehrfach. Nervenschädigungen führen dazu, dass Druckstellen, kleine Verletzungen oder Hitze oft nicht bemerkt werden. Gleichzeitig verschlechtern Durchblutungsstörungen die Wundheilung, Infektionen treten häufiger auf und verlaufen schwerer. Unbehandelt können aus zunächst harmlosen Hautveränderungen Geschwüre entstehen, die im schlimmsten Fall in einer Amputation enden.

Zentral ist die tägliche Selbstkontrolle der Füße. Betroffene sollten ihre Füße jeden Tag sorgfältig auf Rötungen, Druckstellen, Blasen, Risse oder kleine Verletzungen prüfen. Auch Veränderungen der Hautfarbe oder -struktur sind ernst zu nehmen. Die Nagelpflege erfordert besondere Sorgfalt. Nägel sollten gerade geschnitten werden, scharfe Kanten sind zu vermeiden, um eingewachsene Nägel und Verletzungen zu verhindern. Trockene Haut erhöht das Risiko für Risse und Eintrittspforten für Keime. Eine regelmäßige Pflege mit geeigneten Feuchtigkeitscremes ist daher sinnvoll, der Bereich zwischen den Zehen sollte jedoch trocken bleiben.

Ein weiterer zentraler Faktor ist die Schuhversorgung. Schuhe müssen gut passen, ausreichend Platz bieten und dürfen keine Druckstellen verursachen. Fremdkörper im Schuhwerk sind konsequent zu vermeiden. Auch in der Wohnung sollten Schuhe oder feste Hausschuhe getragen werden, um Verletzungen durch spitze oder harte Gegenstände zu verhindern. Barfußlaufen erhöht das Risiko erheblich.

Neben der Eigenpflege ist die professionelle Betreuung entscheidend. Regelmäßige Untersuchungen durch Podologinnen oder Podologen ermöglichen es, Risikoveränderungen frühzeitig zu erkennen und fachgerecht zu behandeln. Dies gilt insbesondere für Menschen mit bereits bestehenden Nervenschäden oder Durchblutungsstörungen. Eine gute Blutzuckereinstellung bleibt dabei die Grundlage jeder Prävention, da schlecht eingestellte Werte das Risiko für Fußkomplikationen deutlich erhöhen.

Kommt es dennoch zu kleinen Verletzungen, ist schnelles Handeln erforderlich. Wunden sollten sofort gereinigt und desinfiziert werden. Bei Anzeichen einer Infektion, bei nicht heilenden Läsionen oder Schmerzen ist umgehend ärztlicher Rat einzuholen. Abwarten verschlechtert die Prognose.

Entscheidend ist schließlich die Schulung der Betroffenen. Menschen mit Diabetes müssen die Risiken kennen, Warnzeichen richtig deuten und wissen, wann sie handeln müssen. Fußpflege ist keine Nebensache, sondern ein zentraler Bestandteil der ambulanten Diabetesversorgung. Gerade in sozial benachteiligten Regionen kann eine konsequente Aufklärung dazu beitragen, schwere Komplikationen und Amputationen zu verhindern.

Lukas Sander, Redaktion Häusliche Pflege