Pflegemarkt

Wiesbaden erweitert Netz der Quartiershäuser: Dritter Pilotstandort am Start

Die hessische Landeshauptstadt bündelt Pflegeberatung, ambulante Versorgung und Nachbarschaftsarbeit in wohnortnahen Anlaufstellen. Grundlage ist ein am „Bielefelder Modell“ orientierter Baukasten, der ambulante Pflegedienste zu einem Kernbestandteil macht.

Mit der Inbetriebnahme der neuen Einrichtung in Klarenthal Nord am 2. Juli wurde der mittlerweile dritte Teststandort im laufenden Kalenderjahr freigegeben. Foto: Stadt Wiesbaden

Am 2. Juli 2026 hat die Stadt Wiesbaden gemeinsam mit der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte, Wohnstadt (NHW) das dritte Quartiershaus des laufenden Jahres in Betrieb genommen. Das Konzept verfolgt das Ziel, Beratung, pflegerische Hilfen, soziale Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe im unmittelbaren Wohnumfeld zu verknüpfen. Zielgruppe sind ältere Menschen, Pflegebedürftige, Angehörige sowie Nachbarschaftsengagierte.

Bausteine in Klarenthal Nord

Zum Start liegen die inhaltlichen Schwerpunkte auf Information, Partizipation und Seniorenarbeit. Als Kooperationspartner treten unter anderem die Johanniter, die Beratung für selbstständiges Leben im Alter, das Volksbildungswerk Klarenthal (VBW), die Di@-Lotsen für digitale Fragestellungen, der VdK sowie die Handarbeitsgruppe „Stricklieseln“ auf. Die Aufgabenverteilung sieht laut Bericht vor, dass die NHW die Infrastruktur bereitstellt, das VBW die soziale Quartiersarbeit übernimmt und die Johanniter einen Mittagstisch organisieren. Die medizinisch-pflegerischen Angebote vor Ort befinden sich nach Angaben der Stadt noch im Aufbau – ein Punkt, der für ambulante Anbieter im Einzugsgebiet perspektivisch relevant sein dürfte.

Standort-spezifische Zuschnitte

Die Wiesbadener Sozialdezernentin Dr. Patricia Becher (SPD) betont, dass die Angebote den lokalen Bedarfen folgen sollen. Im Dichter- und Rheingauviertel (Wolfram-von-Eschenbach-Straße) läuft die Kooperation mit der Wohnbaugesellschaft GWW; Schwerpunkte sind dort offene Altenarbeit, digitale Unterstützung und ambulante Pflege, die vom Dienst Robins Care erbracht wird. Ehrenamtliche flankieren die Arbeit. Im Schelmengraben arbeiten die GWH, die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG), die BauHaus Werkstätten, Caritas und Johanniter zusammen; hier dienen gemeinschaftliche Mahlzeiten laut Stadt auch als Frühwarnsystem, um Bedarfe im Bereich Alltagshilfen frühzeitig zu erkennen. Becher wird mit dem Argument zitiert, es gehe nicht darum, überall das Gleiche anzubieten, sondern die Partnerkonstellationen an den jeweiligen Stadtteil anzupassen.

Funktion als niedrigschwellige Erstanlaufstelle

Für Ratsuchende sollen die Häuser eigenständige Recherchen zu Zuständigkeiten bei Themen wie Einsamkeit, Pflegefragen oder Alltagshilfen ersetzen. Über die gebündelte Struktur werden Anfragen direkt an die eingebundenen Partner weitergeleitet. Bei der Eröffnungsfeier konnten Besucher:innen über eine Ideenwand eigene Wünsche einbringen; Becher hebt hervor, dass die Rückmeldungen aus der Bevölkerung ausschlaggebend dafür seien, welche Unterstützung tatsächlich benötigt wird.

Baukasten nach Bielefelder Vorbild

Die im Februar 2024 veröffentlichte Handreichung des Amtes für Soziale Arbeit legt die fachliche Grundlage. Sie stützt sich maßgeblich auf das „Bielefelder Modell“ sowie die „KDA-Quartiershäuser“ und stellt einen Werkzeugkoffer mit Bausteinen aus drei Bereichen bereit: Bauen und Wohnen, pflegerische Versorgung sowie Soziale Arbeit. Welche Bausteine zum Einsatz kommen, hängt laut Handreichung von den vorhandenen Strukturen und Bedarfen im jeweiligen Sozialraum ab.

Für die ambulante Pflege relevant sind zwei als unverzichtbar eingestufte Bausteine:

  • Ambulanter Pflegedienst mit 24-Stunden-Versorgung: Im Quartiershaus soll ein ambulanter Dienst mit dem Betreiber bzw. der Wohnungsbaugesellschaft eine vertragliche Vereinbarung eingehen und die Versorgung im Haus wie im gesamten Quartier sicherstellen – ohne Service-Pauschale wie beim klassischen Service-Wohnen. Die Handreichung verweist auf Vorteile für die Dienste selbst: vereinfachte Neukund:innen-Akquise, kürzere Fahrzeiten und dadurch höhere Attraktivität als Arbeitgeber im Fachkräftemangel.
  • Pflegewohnungen mit Vorschlagsrecht: Für in der Regel fünf bis zehn Wohnungen im Quartiershaus soll der Pflegedienst ein Vorschlagsrecht erhalten. Diese Wohnungen liegen zwangsläufig außerhalb der Belegungsbindung; über ein Pflegegrad-Management kann der Dienst Personalauslastung und Refinanzierung von Leistungen sichern, die nicht durch die Pflegeversicherung gedeckt sind.

Fakultativ sind Gäste(pflege)wohnungen für Verhinderungspflege, Übergänge nach Krankenhausentlassungen oder Palliativversorgung sowie trägergestützte Pflege-Wohngemeinschaften (in Hessen für maximal 12 Personen zulässig) bzw. Tagespflegeeinrichtungen. Bei drohenden Schließungen stationärer Einrichtungen sieht die Handreichung ausdrücklich die Umwandlung in trägergestützte Pflege-WGs als Option, um die wohnortnahe Versorgung zu sichern.

Bedarfslage in Wiesbaden

Die Handreichung dokumentiert den Problemdruck: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Wiesbaden ist von rund 5.500 (1999) auf 13.769 im Jahr 2021 gestiegen, allein binnen zwei Jahren um fast 2.000 Personen. Die Zahl stationärer Plätze verharrt seit zwei Jahrzehnten bei etwa 2.300, tendenziell mit personalbedingten Belegungslücken. Von den zu Hause versorgten Pflegebedürftigen werden zwei Drittel ausschließlich durch Angehörige und ein Drittel durch ambulante Dienste versorgt; in Wiesbaden sind mittlerweile rund 70 Dienste aktiv, deren Wachstum aber an Fachkräftemangel und Kostensteigerungen stößt. Die Gruppe der über 65-Jährigen soll bis 2035 von knapp 59.000 auf rund 70.000 Personen anwachsen, wobei sich die Zahl der Hochaltrigen zwischen 2006 und 2035 etwa verdoppelt.

Soziale Arbeit und Finanzierung

Für den Bereich Soziale Arbeit sieht die Handreichung eine hauptamtliche Kümmerer-Rolle im Quartier vor, die Bedarfe ermittelt, Ehrenamt aktiviert und Angebote koordiniert. Die Zuständigkeit kann bei der Wohnungsbaugesellschaft, einem Pflegedienst mit sozialarbeiterischer Expertise, der Kommune oder einem Träger der Gemeinwesenarbeit angesiedelt sein. Zur Anschubfinanzierung nennt die Handreichung unter anderem die Deutsche Fernsehlotterie sowie die Projektförderung nach § 45 SGB XI durch die Pflegekassen.

Rechtlicher Rahmen und Evaluation

Grundlage des Vorhabens ist der Beschluss der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung Nr. 0245 vom 13. Juli 2023. Ein multiprofessionelles Team #Quartiershäuser in der Abteilung Grundsatz und Planung des Amtes für Soziale Arbeit koordiniert Standortsuche, Bedarfsanalysen und Beteiligungsprozesse. Ende Februar 2026 wurde das Projekt durch eine Absichtserklärung mit den Wohnungsbaugesellschaften vertraglich abgesichert. Die dreijährige Pilotphase wird wissenschaftlich begleitet; auf dieser Basis soll über eine dauerhafte, flächendeckende Ausweitung entschieden werden. Bei Erfolg sollen die Aufgaben des Teams langfristig in die Regelstrukturen der Abteilung Altenarbeit überführt werden.

Fachkonferenz zum Thema

Wer sich als Führungskraft eines ambulanten Dienstes vertiefend mit Planung, Finanzierung und Betrieb solcher Quartiersmodelle befassen möchte, findet auf der Häusliche Pflege Konferenz „Versorgungsquartiere – planen und betreiben“ am 30. September und 1. Oktober 2026 in Hannover ein einschlägiges Format. Im Zentrum stehen wirtschaftlich tragfähige Modelle für Wohnen und Pflege sowie der Austausch zwischen ambulanten Pflegeanbietern, Wohnungswirtschaft, Investoren, Genossenschaften und Kommunen. Auf dem Programm stehen unter anderem Beiträge zu Quartieren als Skalierungsmodell für ambulante Pflege, zum Zusammenspiel von Service-Wohnen und Pflege sowie zu wirtschaftlichen Erfolgsfaktoren und typischen Stolpersteinen. Erwartet werden unter anderem der niedersächsische Sozialminister Dr. Andreas Philippi sowie Hannovers Sozialdezernentin Sylvia Bruns. Ergänzt wird die Konferenz durch Exkursionen zum Johanniter-Quartier Kirchrode und zum Stift zum Heiligen Geist, die Service-Wohnen, ambulante Versorgung und Tagespflege unter einem Dach zeigen. (ck)

Weitere Informationen zu den Wiesbadener Quartiershäusern bietet die Stadt Wiesbaden unter wiesbaden.de/quartiershaeuser. Die vollständige Handreichung „#Quartiershäuser Wiesbaden“ (Februar 2024) steht unter wiesbaden.de/sozialplanung zum Download bereit. Programm und Anmeldung zur Häusliche Pflege Konferenz „Versorgungsquartiere – planen und betreiben“ unter haeusliche-pflege.net/vn-events/versorgungsquartiere.