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„Wir brauchen Migration und ein weltoffenes Miteinander“

Sachsen-Anhalt wählt einen neuen Landtag – und in der ambulanten und stationären Pflege wächst die Sorge. Auf der Mitgliederversammlung des Landesverbandes Hauskrankenpflege in Lutherstadt Eisleben wurden Florian Wend und Sabine Weidlich in ihren Ämtern bestätigt. Im Gespräch mit der Redaktion erklären beide, warum sie Wahlprüfsteine ausgewertet haben, was ein Wahlsieg der AfD für die Versorgung bedeuten könnte – und warum sie in den letzten Tagen vor der Wahl noch möglichst viele Menschen überzeugen wollen.

Foto: Michael Palatini Führen den LVHKP: Florian Wend (Unternehmensgruppe Wend | Pflege und Wohnen, Lutherstadt Eisleben und Klostermansfeld) und Sabine Weidlich (Pflege im Geiseltal GmbH und Seniorenhaus Geiselblick GmbH, Braunsbedra).

Wir sitzen hier am Freitagnachmittag in Eisleben, auf dem Marktplatz demonstrieren einige wenige Menschen für Demokratie und Vielfalt. Müssten Pflegeunternehmer nicht alle dort stehen?

Wend: Ich bin an fast jedem Freitag dabei, der Termin steht fest im Kalender. Auf meinem Shirt steht: „Eisleben ist und bleibt bunt.“ Das ist eine wichtige Botschaft – nicht nur für migrantische Mitarbeitende, sondern auch für Menschen mit queerem Hintergrund und für alle, die anders denken. Diese Gruppe ist parteiunabhängig, wird aber von allen demokratischen Parteien unterstützt: Grüne, SPD, CDU, FDP und Linke. Wir sind als Pflegeanbieter dabei, weil wir sagen: Wir brauchen Migration und ein weltoffenes Miteinander. Wir leben Vielfalt schon lange – dass wir das 2026 wieder diskutieren müssen, ist ein Unding.

 

Frau Weidlich, muss man Angst haben, dass die pflegerische Versorgung gefährdet wird, wenn die AfD regiert – etwa weil sich Mitarbeiter mit Migrationshintergrund abwenden?

Weidlich: Angst ist kein guter Ratgeber. Wir als Unternehmer müssen uns für unsere Mitarbeiter stark machen, ihnen die Angst vor Konsequenzen nehmen und hinter ihnen stehen. Wir haben viele Auszubildende aus allen Bereichen, und wir haben auch Mitarbeiter, die skeptisch sind. Aber sobald der persönliche Kontakt da ist, löst sich das auf. Schade ist, dass viele Bürger in Sachsen-Anhalt diese Erfahrung offenbar nie machen. Das macht mir schon Sorgen – aber ich bleibe stark für die, die meine Hilfe brauchen, wenn es darauf ankommt.

 

Sind sich die Wähler der Konsequenzen bewusst?

Wend: Ich glaube nicht. Die Menschen wollen Protest wählen, sie sind unzufrieden mit den etablierten Parteien – und die haben dazu einiges beigetragen. Aber Protest zu wählen ist etwas anderes, als einer gesichert rechtsextremen Partei Regierungsverantwortung zu geben. So weit denkt kaum jemand. Dazu kommt: Es wird permanent relativiert. Im Parteiprogramm steht schwarz auf weiß, was die Partei hier vertritt – öffentlich heißt es dann, die Fachkräfte, die sich integrieren, seien ja gar nicht gemeint.

Wir sind natürlich auch in einer Pflegeblase. Hier im Landkreis Mansfeld-Südharz haben wir eine stark überalterte Region, wir sind anderen Landkreisen zwanzig Jahre voraus. Wir wissen, wie bedeutsam migrantische Mitarbeitende sind: Der deutsche Arbeitsmarkt kann diesen Bedarf schlicht nicht mehr bedienen.

 

Manche sagen, für Migranten und queere Menschen gebe es doch längst eine große Lobby.

Wend: Die großen Gruppen haben immer ein Standing – die brauchen keine Lobbyarbeit, weil ihr Dasein selbstverständlich ist. Genau deshalb brauchen die anderen eine. Ich bin froh, dass wir als Landesverband weltoffen sind. Wir sind unterschiedlicher Meinung, wir stehen unterschiedlichen Parteien nahe oder gar keiner – aber wir sind alle demokratisch. Für uns spielt eine gesichert rechtsextreme Partei keine Rolle.

 

Wenn dieses Interview erscheint, sind es nur noch wenige Tage bis zur Wahl. Was können Pflegeunternehmer jetzt noch tun – und ist es legitim, Mitarbeiter anzusprechen?

Weidlich: Als Mensch und als Demokrat finde ich das immer legitim, ob ich Unternehmerin bin oder nicht. Sachlich, mit Argumenten – in der Hoffnung, dass der eine oder andere ins Nachdenken kommt und sich weiter informiert. Zwischen Privatperson und Unternehmerin unterscheide ich da nicht: Wir sind ein privater Träger, das Unternehmen trägt meine Handschrift. Rassismus darf es bei uns nicht geben. Wenn abwertende Begriffe fallen, die angeblich humorvoll gemeint sind, führen wir lange Gespräche. Das ist nicht unsere Unternehmensphilosophie, und das ist nicht das, wofür ich stehe.

 

Der LVHKP hat Wahlprüfsteine an alle Parteien geschickt. Wie hat die AfD abgeschnitten?

Wend: Erstaunlich gut. Sie hat alle unsere Fragen so beantwortet, dass es richtig gut klingt – fast wählbar. Nur: Von diesen Antworten findet sich kaum etwas im Wahlprogramm wieder. Da ist sehr schön geantwortet worden, ohne fundiert zu sein. Konkrete Vorschläge kommen nicht. Das ist das, was sie überall machen: relativieren.

 

Ein Beispiel?

Weidlich: Der Pflegegrad 1. Gegen dessen Abschaffung haben sie sich klar ausgesprochen – das klingt erst einmal gut. Aber die Finanzierungsfrage wird nicht beantwortet. Zur Diskussion stand die Abschaffung ja nicht, weil man den Menschen die Leistung nicht gönnt, sondern weil es ein Finanzierungsproblem in der Pflegekasse gibt. Es werden Versprechungen gemacht, die nicht finanzierbar sind – im Bund wie im Land.

Wend: Dazu kommt: Wir haben ein parlamentarisches Frühstück ins Leben gerufen. Alle demokratischen Fraktionen kamen und waren dabei. Die AfD hat trotz Zusage nicht an der Diskussion teilgenommen und ist nicht erschienen.

 

Und die anderen Parteien? Sind Sie da zufriedener?

Wend: Ehrlich gesagt nein. Die Refinanzierung der Gehälter wird am Ende über die Pflegebedürftigen oder die Sozialagenturen getragen – darüber denkt niemand nach. Wir schreiben Stellungnahmen an alle Fraktionen und Ausschüsse, und sie verpuffen. Frau Weidlich ist in den entscheidenden Gremien eine der ganz wenigen Fachpraktikerinnen, die die Konsequenzen jeder Entscheidung kennt. Dass Fachleute so wenig gehört werden, ist traurig – und daher kommt ein Gutteil des Unmuts in diesem Bundesland.

 

Haben Sie ein Beispiel aus der Landespolitik?

Weidlich: Die Reform des Wohn- und Teilhabegesetzes. Da wurden Dinge aufgenommen, von denen wir aus der Praxis geschlossen gesagt haben: unsinnig, nicht praktikabel. Das wurde ignoriert, das Gesetz ging durch wie entworfen. Ein Beispiel: Selbstbestimmte Wohngemeinschaften sollen der Heimaufsicht angezeigt werden. Wenn ich mich mit 75 entschließe, mit drei Freunden zusammenzuziehen und eine Pflegekraft anzustellen – warum muss ich das melden? Als Begründung kam der Katastrophenschutz. Andere alte Menschen müssen sich aber auch nicht registrieren lassen, damit sie im Katastrophenfall versorgt werden.

Wend: Ähnlich beim geplanten Meldeportal, in dem stationäre Einrichtungen freie Plätze täglich melden sollen. Es gibt bereits Pflegelotsen und Pflege-Navigatoren. Wer soll das täglich pflegen? Ein Platz, den ich morgens melde, ist eine halbe Stunde später belegt, wenn der Sozialdienst des Krankenhauses anruft. Wir haben das mehrfach schriftlich vorgetragen – es wurde sehenden Auges durchgewunken.

 

Bundespolitisch sorgt das Pflegeneuordnungsgesetz für Unruhe. Was befürchten Sie?

Wend: Neuen Bürokratismus. Es entstehen zusätzliche Betreuungsdienste, die Budgets abrufen können – noch mehr Menschen im Büro, noch weniger in der Pflege, noch mehr Organisationsstruktur. Auf der einen Seite reden alle von Entbürokratisierung, das Wort kann ich kaum noch hören. Auf der anderen Seite entstehen neue Formulare und neue Hürden.

 

Und für die Versorgung selbst?

Weidlich: Eine totale Zersplitterung. Am Ende sind in einem Haushalt unterwegs:

  • ein spezialisierter Dienst für chronische Wunden,
  • ein Betreuungsdienst für die Hauswirtschaft,
  • ein Pflegebegleiter von extern.

Jeder erbringt ein Teilchen, keiner hat mehr den Blick fürs Ganze. Das finde ich gefährlich für die zu Versorgenden. Wer beobachtet denn noch die Gesamtsituation und leitet rechtzeitig etwas ein?

 

Kritisch sehen Sie auch, dass Kassen eigene Kräfte zur Versorgungssteuerung einsetzen könnten.

Wend: Wenn der Kostenträger zum Leistungserbringer wird, ist das eine abstruse Vorstellung. Wer prüft das dann? Der Medizinische Dienst prüft die Strukturen der Kassen – also sich selbst. Solche Regelungen müssen wieder raus.

 

Letzte Frage: Wie wählen Sie am Wahltag?

Wend: Ich bin am Wahltag nicht im Land, ich habe schon per Briefwahl gewählt. Sehr demokratisch und sehr bunt.

Weidlich: Und strategisch. Es gibt ja Empfehlungen, wie man wählen sollte, um genau diese Regierung zu verhindern.

 

Interview: Lukas Sander, Chefredakteur Häusliche Pflege

 

 

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