Exklusiv
„Et hätt nochimmer jot jejange“
Dinah Gessert leitet den Leistungsbereich ambulante Pflege der Caritas Köln — und kam über Umwege in die Branche. Warum sie heute genau am richtigen Platz ist und was sie sich von der Politik wünscht.
Wo steht Ihr aktueller Stresspegel auf einer Skala 1 (alles easy) bis 10 (Land unter)? Warum?
Meistens zwischen 6 und 7. Die ambulante Pflege ist sehr dynamisch – kein Tag gleicht dem anderen, und im Alltag lassen sich nicht alle Situationen planen. Ich habe das große Glück, mit einem starken Team und in verlässlichen Strukturen zu arbeiten. Stress gehört in dieser Branche ein Stück weit dazu, entscheidend ist der Umgang damit. Für mich sind klare Prioritäten, eine offene Kommunikation und auch eine Portion Humor wichtige Faktoren. Außerdem hilft es enorm, Verantwortung zu teilen und sich aufeinander verlassen zu können. Dann ist Arbeit Antrieb statt Belastung.
Was ist das Besondere an Ihrem Pflegeunternehmen? Was ist Ihr Markenzeichen?
Die Caritas Köln verbindet für mich zwei zentrale Aspekte: Verlässlichkeit und Weiterentwicklung. Wir verstehen uns als werteorientierter Träger mit einem klaren sozialen Auftrag und möchten gleichzeitig moderne Strukturen schaffen sowie Innovation ermöglichen. Besonders im Bereich Digitalisierung entwickeln wir uns kontinuierlich weiter – von Personalentwicklung über digitale Pflegedokumentation und Apps zur Mitarbeiterwertschätzung bis hin zu KI-gestützten Dokumentationsprozessen und Pilotprojekten mit neuen Technologien. Dabei geht es immer darum, Arbeitsbedingungen zu verbessern, Prozesse zu vereinfachen und mehr Zeit für das Wesentliche zu schaffen: die Menschen. Unser Markenzeichen ist aus meiner Sicht die Verbindung aus Professionalität, starkem Teamgeist und einem ausgeprägten Verständnis von Menschlichkeit.
Was sind Ihre beruflichen Ziele in den kommenden 5 Jahren?
Ich möchte der ambulanten Pflege der Caritas in Köln mehr Sichtbarkeit geben und sie stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Die Bedeutung der ambulanten Pflege wird häufig unterschätzt oder schlicht vergessen, obwohl sie eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung ist. Unser Motto lautet: Zuhause gut versorgt. Das ist unser Anspruch für unsere Kund*innen. Ambulante Pflege ist keinesfalls „Übergangslösung“, sondern ein zentraler Bestandteil unseres Gesundheitssystems – insbesondere im Hinblick auf den demografischen Wandel.
Für unsere Pflegekräfte ist es mein Ziel, Strukturen weiterzuentwickeln, Innovationen sinnvoll einzusetzen und Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Pflegekräfte ihren Beruf langfristig gerne und mit Überzeugung ausüben können.
Was schätzen Sie an Ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen am meisten?
Vor allem ihre Leidenschaft und ihren Zusammenhalt. Auch wenn Rahmenbedingungen herausfordernd sein können, verlieren sie nie den Blick für die Menschen, die sie versorgen. Ich erlebe täglich, wie viel Engagement, Fachlichkeit und Herz in dieser Arbeit steckt. Besonders beeindruckt mich, wie Teams zusammenwachsen, sich gegenseitig unterstützen und Verantwortung übernehmen – oft weit über das Erwartbare hinaus. Dieser Teamgeist ist nicht selbstverständlich und entsteht nur dort, wo gegenseitiger Respekt und Vertrauen gelebt werden. Genau das macht unsere Arbeit für mich so besonders und auch so wertvoll.
Mein Lebensmotto ist …? Warum?
Als Kölnerin bin ich mit dem Satz „Et hätt noch immer jot jejange“ groß geworden, und er beschreibt auch meine grundsätzliche Haltung ziemlich gut: Ich glaube daran, dass sich am Ende immer Lösungen finden lassen, auch wenn der Weg dorthin manchmal herausfordernd ist. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Dinge nicht einfach von allein gut werden. Man muss anpacken, gestalten, Verantwortung übernehmen und bereit sein, neue Wege zu gehen. Wenn Einsatz, Haltung und ein wenig Gelassenheit zusammenkommen, folgt oft auch das nötige Quäntchen Glück.
Wenn Sie nochmals neu startenkönnten: Was würden Sie beruflich anders machen?
Wahrscheinlich würde ich direkt eine Ausbildung in der Pflege beginnen. Nach dem Abitur habe ich zunächst Theologie studiert, mich dort aber nie vollständig zuhause gefühlt. Über ein Projekt zum Thema Demenz und Religion – das später auch Thema meiner Bachelorarbeit war – bin ich schließlich in die ambulante Pflege gekommen. Bei einem privaten Träger habe ich sehr viel Vertrauen und Freiraum erhalten und mir Strukturen, Abläufe und Steuerungsmechanismen der ambulanten Pflege Schritt für Schritt erarbeitet, begleitet von zahlreichen Fort- und Weiterbildungen.
2024 führte mich mein Weg zur Caritas Köln, wo sich für mich der Kreis zum werteorientierten Arbeiten wieder geschlossen hat. Aktuell absolviere ich berufsbegleitend einen Master im Sozialmanagement, um mein fachliches Fundament weiter auszubauen. Rückblickend sehe ich durchaus Vorteile darin, keine ausgebildete Pflegefachkraft zu sein, weil ich manche Prozesse mit einem anderen Blick hinterfrage und dadurch neue Impulse setzen kann. Dennoch wäre der direkte Weg in die Pflege sicher geradliniger gewesen – zumal meine Mutter viele Jahre als Pflegefachkraft in der ambulanten Pflege tätig war. Vielleicht brauchte es aber genau diesen Umweg, um meinen heutigen Platz zu finden.
Was wünschen Sie sichvon der Politik?
Ich wünsche mir mehr Entscheidungsfreude, Mut zur Vereinfachung und vor allem ein stärkeres Einbeziehen der Praxis. Pflege ist ein komplexes Feld, doch viele Herausforderungen ließen sich pragmatischer lösen, wenn die Menschen, die täglich darin arbeiten, stärker gehört würden. Es gibt zahlreiche gute Ideen und engagierte Fachkräfte – häufig fehlt lediglich die Zeit oder die passende Plattform, um diese auch wirksam umzusetzen. Weniger Bürokratie, klarere Strukturen und mehr Vertrauen in die Fachlichkeit vor Ort könnten bereits viel bewegen. Mein Wunsch ist eine Politik, die Pflege nicht nur verwaltet, sondern aktiv gestaltet und ihr den Stellenwert einräumt, den sie gesellschaftlich verdient.
Interview mit Friederike Schildt
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Sie haben noch kein Konto?
Jetzt registrieren