Pflegemarkt
Pflege-Report: Was macht man mit den Baby-Boomern?
Der neue Pflege-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wurde veröffentlicht. Deutliche regionale Unterschiede bei der Entwicklung von Pflegebedürftigkeit und bei der Art der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen zeichnen sich ab. Deutlich wird auch: Es kommt darauf an, was vor Ort, im Quartier, passiert.
Die Vorstandsvorsitzende der AOK, Carola Reimann, verwies bei der Vorstellung des Pflege-Reports 2024 auf eine Erhebung, wonach sich 64 Prozent der kommenden Rentner vorstellen können, freiwillig Pflegebedürftige vor Ort zu unterstützen. „Diese Zahlen machen Mut“, sagte Reimann, die auch auf die wachsende Personalnot in Heimen und Pflegediensten verwies.
Die Gruppe der Babyboomer sei wichtig, wenn es darum gehe, die Versorgungsstrukturen und damit die Sorgearbeit für Pflegebedürftige in den Städten und Gemeinden umzubauen, hin zu sogenannten Caring Communities als Leitbild für die Pflege vor Ort. Hier sollen sich Beratung, Begegnung, Teilhabe und Pflegeunterstützung bündeln. „Wenn wir Menschen im Teilleistungssystem der Sozialen Pflegeversicherung auch
künftig so lange wie möglich gut in der gewohnten Umgebung versorgen möchten, müssen wir neue Wege in der Pflege gehen. Um den Wünschen der Menschen mit Unterstützungsbedarf nach Verbleib in ihrer gewohnten Umgebung und nach gesellschaftlicher Teilhabe zu entsprechen und auch, um Unterstützung und Pflege vor Ort zu organisieren, kommt den Kommunen eine zentrale Rolle zu. Dafür sind Caring Communities ein geeigneter Ansatz“, meint die AOK-Vorsitzende.
Jeder Fünfte hilft schon
Das Forschungsinstitut Forsa befragte für die AOK 2.000 Personen, darunter 1.000 aus der Generation der Babyboomer, zu der die Versicherung die Jahrgänge von 1950 bis Anfang der 1970er Jahre zählt. Dabei gaben 43 Prozent der Babyboomer an, sich bereits ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen zu engagieren. Jeder Fünfte (22 Prozent) davon unterstützt heute schon alte, kranke, pflegebedürftige Menschen oder Menschen mit Behinderung im Alltag.
Reiman betonte, es gehe keineswegs darum, die professionelle Pflege durch Ehrenamtler zu ersetzen, „sondern vielmehr um die Organisation von Strukturen, in denen professionelle Akteure und Freiwillige sich vernetzen, was zusammengenommen einen echten Unterschied machen kann“.
Der Pflege-Report bildet zudem erstmals hinunter bis auf Kreisebene ab (siehe Grafik), dass es erhebliche regionale Varianzen bei der Entwicklung von Pflegebedürftigkeit und bei der Art der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen. Das sei als Ergänzung der offiziellen Pflegestatistik für die genaue Planung der Pflegestrukturen etwa in einzelnen Stadtteile überaus wichtig, sagte Susann Behrendt, Forschungsbereichsleiterin Pflege im Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) und Mitherausgeberin des Pflege-Reports 2024.
Für Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa sollte das Thema ganz oben auf der politischen Tagesordnung stehen: „Der demografische Buckel der Babyboomer stellt unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Die Pflegeversicherung steht an einem Scheideweg. Um auch in Zukunft menschenwürdige Pflege für alle zu gewährleisten, braucht es eine für alle Generationen verlässlich und nachhaltig finanzierte Pflegeversicherung. Die Versorgungsicherheit kann und muss nur so gewährleistet bleiben. Die nächste Bundesregierung muss die Pflege ganz oben auf die Prioritätenliste setzen. Das macht der jüngste Pflege-Report der AOK sehr deutlich.“
Aber nicht nur der Gesetzgeber ist aus ihrer Sicht gefordert: „Eine sorgende Gesellschaft lebt vom zivilgesellschaftlichen Miteinander, vom alltäglichen Füreinander der Generationen. Wohlfahrtsverbände als Orte gelingender Co-Produktion von beruflich und freiwillig Engagierten sind Katalysatoren für „Caring Communities“, die Teilhabe im Quartier sichern. Ein stabiles Netz der Daseinsvorsorge braucht die verlässliche Partnerschaft der Verbände und Kommunen.“
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