Außerklinische Intensivpflege
Intensivpflege in M-V: „Die Entwicklung ist problematisch“
Die Eins-zu-eins-Versorgung von Patienten in der außerklinischen Intensivpflege wird auch in Mecklenburg-Vorpommern zunehmend schwieriger. Jessica Mendle, Vorsitzende des Vereins für Intensivpflege in Mecklenburg-Vorpommern e. V., beschreibt im Interview die Probleme, die mit dem Rückgang dieser Versorgungsform einhergehen.
Frau Mendle, wie ist die Lage der Versorgten und Versorgenden in der außerklinischen Intensivpflege in Mecklenburg-Vorpommern aktuell?
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine flächendeckende Versorgungslandschaft mit Leistungserbringern, die Wohngemeinschaften von drei bis maximal zwölf Bewohnern sowie stationäre Intensivpflege anbieten. Die Vernetzung im Bereich der Überleitung erfolgt häufig über die Träger der Einrichtungen. Die Versorgungsform der Eins-zu-eins-Betreuung in der außerklinischen Intensivpflege (AKI) nimmt jedoch von Jahr zu Jahr ab. Menschen, die zu Hause eine Eins-zu-eins-Betreuung benötigen und wünschen, haben es zunehmend schwerer, einen passenden Leistungserbringer zu finden. Das Persönliche Budget spielt in diesem Bereich eine immer größere Rolle.
Diese Entwicklung ist durchaus problematisch. Das Persönliche Budget wurde in den letzten Jahren zunehmend institutionalisiert. Gerade in Mecklenburg-Vorpommern gibt es immer mehr Firmen, die die administrativen und organisatorischen Aufgaben des eigentlichen Arbeitgebers, also des Patienten, übernehmen – von der Auswahl des Personals über die Verwaltung bis hin zur Dienstplanorganisation und dem operativen Personaleinsatz. Die Folgen sind, dass Budgetnehmer, die gleichzeitig die Arbeitgeberfunktion übernehmen und eigentlich qualifizierte Therapie und Pflege benötigen, häufig fachfremde Mitarbeiter für diese Aufgaben erhalten. Außerdem haben Fort- und Weiterbildungen sowie ein qualifiziertes Qualitätsmanagement oft nur eine geringe bis keine Bedeutung. Darüber hinaus ist das Risiko von Personalausfällen eher hoch. Es ist problematisch, einen gesundheitlich schwerstbetroffenen Menschen, sei es ein Kind oder ein Erwachsener, in die Rolle eines Arbeitgebers zu drängen und ihm den Druck aufzubürden, stets das passende Personal organisieren zu müssen.
Was muss aus Ihrer Sicht als Nächstes passieren, damit das System nicht zusammenbricht?
Jeder Kostenträger muss seine primäre Aufgabe erfüllen, nämlich die Kosten zu tragen, die für eine adäquate Versorgung notwendig sind. In Mecklenburg-Vorpommern haben bereits alle Pflegedienste einen Vertrag nach §132L SGB V abgeschlossen. Um eine flächendeckende Versorgung weiterhin sicherzustellen, bedarf es fairer Kostengrundverhandlungen für das Jahr 2025. Die steigenden Anforderungen an die Leistungserbringer bringen gleichzeitig steigende Investitionen und Kosten mit sich. Ich bin gespannt, inwieweit die Kostenträger bereit sind, die Refinanzierung zu sichern. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Sozialämter im Bereich der AKI nicht mehr zuständig fühlen und die Hilfe zur Pflege nicht mehr finanzieren, mit Verweis auf die Abgrenzungsrichtlinie. Das muss nachhaltig geklärt werden, denn es kann nicht sein, dass sich in einzelnen Bundesländern einige Sozialhilfeträger der Verantwortung für eine kleine, aber besonders vulnerable Gruppe von Betroffenen entziehen.
Bei Ihrem Fachtag im Oktober stellen Sie im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Frage: „Hat die außerklinische Intensivpflege noch eine Zukunft?“ – was ist Ihre Antwort?
Die Folgen einer unzureichenden Finanzierung sind für die Betroffenen katastrophal. Geringe Personalschlüssel und große, unpersönliche Versorgungsstrukturen passen nicht zu einer guten Betreuung einer Klientel, die eine möglichst fachliche und menschliche Versorgung benötigt. Intensiv bedeutet hier wirklich intensiv… Die außerklinische Intensivpflege (AKI) ist ein kleiner, spezialisierter Versorgungsbereich. Wenn wir als verantwortliche Personen den betroffenen Menschen weiterhin eine AKI mit Teilhabe, Genesungschancen, Rehabilitation, Selbstbestimmung und Lebensqualität ermöglichen wollen, müssen alle Kostenträger und Leistungsanbieter auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Pflegekräfte erbringen nicht nur fachlich hochanspruchsvolle Leistungen, sondern agieren gleichzeitig in einem familienzentrierten, emotionalen und zwischenmenschlichen Kontext. Dies gilt es bei allen Überlegungen immer zu berücksichtigen.
Termintipp: Der Intensivpflegetag des Vereins für Intensivpflege M-V findet am 15. Oktober 2024 in Rostock statt.
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