Veranstaltungen
KAI + LUNA 2025 in Essen eröffnet
Mit einem doppelten Signal hat am 10. September 2025 der Leitkongress KAI + LUNA im Haus der Technik in Essen begonnen: Fachlicher Aufbruch, aber auch politische Standortbestimmung. Die Redaktion Häusliche Pflege vereint erstmals zwei zentrale Branchenveranstaltungen unter einem Dach – den KAI, Kongress für außerklinische Intensivpflege und Beatmung, sowie LUNA, den Leitungskongress für die ambulante Pflege.
Häusliche Pflege-Chefredakteur Lukas Sander eröffnete die beiden Kongresstage mit einem klaren Appell: „Wir wollen Ihnen viele Hinweise und Anregungen geben, Austausch ermöglichen, damit Sie in Ihren Unternehmen Ihre wichtige Arbeit noch besser leisten können.“ Insgesamt 37 Expertinnen und Experten treten in fünf parallelen Veranstaltungssträngen auf, die von Digitalisierungs- und Rechtsfragen bis zu Personalgewinnung und neuen Wohnformen reichen.
Ein Preis für Mut und Orientierung: Das Pflegeteam Wentland
Schon zu Beginn stand ein Höhepunkt im Programm: die Verleihung des Häusliche Pflege Innovationspreises 2025. Ausgezeichnet wurde das Pflegeteam Wentland GmbH & Co. KG für den Podcast „Pflege, und jetzt? – Euer Wegweiser durch den Pflege-Dschungel“.
Sarah und Matthias Wentland nahmen den Preis stellvertretend für ihr Team entgegen. Das Format richtet sich an pflegende Angehörige und Interessierte und vermittelt praxisnah, empathisch und ohne Fachjargon Wissen, Orientierung und emotionale Unterstützung. Moderiert wird der Podcast von Sarah Wentland gemeinsam mit der systemischen Coachin Wiebke Zimmer.
Die Jury hob hervor, dass das Angebot niedrigschwellig Informationen vermittelt und zugleich zeigt, wie digitale Medien innovative Wege in der Pflegekommunikation eröffnen können. „Pflegende Angehörige brauchen praktische Hilfe – und genau hier setzt das Projekt an“, betonte Sander bei der Laudatio.
Politischer Schlagabtausch: „Perspektiven für die Pflege“
Direkt nach der Eröffnung und Preisverleihung folgte der erste große Diskussionsblock: der Politik-Pflege-Talk „Perspektiven für die Pflege“. Moderiert von Lukas Sander diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Verbänden, Kommunalverwaltung und Landespolitik.
Regulierungswirrwarr in der Intensivpflege
Christoph Schneider, Vorstandsmitglied des Intensivpflegeverbands Deutschland e.V. (IPV) und Geschäftsführer der opseo Holding, kritisierte die Umsetzung der bundesweiten Rahmenempfehlung für die außerklinische Intensivpflege: „Wir haben es geschafft, eine bundeseinheitliche Regelung zu verabschieden – und trotzdem 16 verschiedene Verträge in den Bundesländern zu schaffen. Das führt zu Ungerechtigkeiten in der Versorgung und zur Verunsicherung der Anbieter.“
Neben der Zersplitterung sei die Debatte über die gesellschaftliche Bedeutung der außerklinischen Intensivpflege fast verschwunden: „Wir begleiten Menschen aus dem Krankenhaus in die Häuslichkeit oder in Wohngemeinschaften – das ist ein enormer Gewinn. Aber diese positive Botschaft wird kaum noch wahrgenommen.“
„Schizophrene“ Pflegepolitik
Deutliche Worte fand Jasmin Arbabian-Vogel, Geschäftsführerin des Interkulturellen Sozialdienstes Hannover. Sie sprach von einer „Schizophrenie“ der Pflegepolitik: „Auf der einen Seite verlangt die Politik steigende Löhne, auf der anderen Seite fehlen die Mittel zur Refinanzierung. Das bringt viele Dienste in existenzielle Nöte.“
Als zweiten Widerspruch nannte sie die Fachkräftezuwanderung: „Wir wissen, dass wir schrumpfen und Zuwanderung dringend brauchen. Aber gleichzeitig erleben wir, dass Mitarbeitenden die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wird oder sogar Abschiebungen drohen. Das ist absurd.“
Kommunale Perspektive: Planung und Realität
Einen Blick aus der kommunalen Praxis brachte Julia Middelhauve, Leiterin der Stabsstelle Pflegeplanung der Stadt Essen, ein. Sie verwies auf die Pflicht der Kommunen in Nordrhein-Westfalen, regelmäßig eine Pflegeplanung zu erstellen: „Wir müssen einen Überblick über alle Versorgungsformen geben und die Bedarfsgerechtigkeit prüfen. Das funktioniert nur mit validen Daten und einer engen Zusammenarbeit mit den Trägern.“
Besonders wichtig sei dabei, soziale Entwicklungen wie Einsamkeit, Armut oder kulturelle Vielfalt mitzudenken. „Pflegeplanung heißt nicht nur, Heimplätze zu zählen. Es geht darum, eine Stadtgesellschaft so zu gestalten, dass Menschen auch im Alter gut leben können.“
Politik zwischen Anspruch und Realität
Mehrdad Mostofizadeh, pflegepolitischer Sprecher der Grünen im NRW-Landtag, plädierte für eine umfassendere Sichtweise: „Pflege ist keine Randaufgabe, sondern Teil der Daseinsvorsorge. Wir brauchen schnellere Anerkennungsverfahren, mehr Ausbildungsplätze und langfristig auch eine Bürgerversicherung.“
Er stellte klar, dass die Finanzierung der Pflege nicht länger auf die Schultern Einzelner verlagert werden könne: „Wir müssen Vermögende stärker einbeziehen, damit das System tragfähig bleibt.“ Gleichzeitig mahnte er verlässliche Arbeitsbedingungen an: „Es geht nicht nur ums Geld. Verlässliche Dienstpläne und bessere Rahmenbedingungen sind entscheidend, damit Menschen im Beruf bleiben.“
Zwischen Finanzierung und Zukunftsvision
Die Debatte zeigte: Zwischen wirtschaftlichem Druck, ungelösten Finanzierungsfragen und den Erwartungen an Reformen ist die Pflege in Deutschland in einem Spannungsfeld gefangen. Während Schneider und Arbabian-Vogel vor allem den Mangel an Verbindlichkeit und die Widersprüche der Politik kritisierten, betonte Middelhauve die Rolle der Kommunen bei der Entwicklung tragfähiger Versorgungsstrukturen. Mostofizadeh wiederum warb für mehr Mut zu strukturellen Veränderungen.
Moderator Lukas Sander brachte es auf den Punkt: „Wir brauchen die Stimmen von der Basis, damit Pflegepolitik nicht nur am Reißbrett entschieden wird.“
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