Pflege und Politik
„Pflegende Angehörige tragen die Hauptlast“
86 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden in Privathaushalten versorgt. Eine neue Untersuchung verdeutlicht Unterschiede zwischen häuslicher Pflege durch Angehörige und Pflege außerhalb des eigenen Haushalts – mit klaren sozialen und politischen Implikationen.
Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird laut Deutschem Zentrum für Altersfragen (DZA), Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und TU Dortmund bis 2050 von aktuell 5,7 Millionen auf rund 9 Millionen steigen. Schon heute entfallen 86 Prozent der Pflegeleistungen auf private Haushalte. Die Forschenden haben mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) untersucht, wie sich Pflegearrangements unterscheiden und welche Belastungen damit verbunden sind.
Unterschiede zwischen Pflege im eigenen und außerhalb des Haushalts
Die Pflege im eigenen Haushalt betrifft häufig Partner:innen im Rentenalter. Pflegende sind hier seltener erwerbstätig, verfügen über ein niedrigeres Haushaltsnettoeinkommen pro Kopf und sind stärker auf Pflegegeld angewiesen. Demgegenüber richtet sich Pflege außerhalb des eigenen Haushalts häufiger an die Elterngeneration. In diesen Fällen sind Pflegende häufiger erwerbstätig, die Haushaltseinkommen liegen durchschnittlich höher, und das Pflegegeld spielt kaum eine Rolle.
Geschlechterunterschiede bestehen fort
Laut Ulrike Ehrlich (DZA) übernehmen Frauen nach wie vor den überwiegenden Teil der Angehörigenpflege. Innerhalb wie außerhalb des eigenen Haushalts stellen sie mit 64 Prozent die Hauptpflegepersonen. Aus früheren Studien sei zudem bekannt, dass Frauen durch diese Rolle besonders häufig in Konflikte zwischen Erwerbstätigkeit und Pflege geraten.
Politische Herausforderungen
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass politischer Handlungsbedarf besteht. Das oft diskutierte Modell eines Familienpflegegeldes wird laut den Forschenden jedoch nur einen Teil der Lösung darstellen können. Neben der Frage einer praktikablen Bezugsdauer, die sich anders als bei Elternzeit schwer bestimmen lässt, benötigen auch pflegende Menschen jenseits des Erwerbsalters passgenaue Unterstützungsangebote. Hinzu kommt die Frage der langfristigen finanziellen Stabilisierung der sozialen Pflegeversicherung. „Pflegende Angehörige tragen die Hauptlast des Pflegesystems. Ihre Rolle erfordert eine stärkere Berücksichtigung in der Ausgestaltung künftiger Pflegepolitik“, sagt Nadiya Kelle (DZA).
Die vollständigen Ergebnisse der Untersuchung sind im DIW Wochenbericht 37/2025 unter dem Titel „Größter Pflegedienst in Deutschland: Millionen Menschen pflegen Angehörige inner- und außerhalb ihres Haushalts“ veröffentlicht.
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