Pflegepolitik
Eckpunkte Pflegereform: Kritik an fehlender Struktur für häusliche Pflege
Die Facharbeitsgruppen haben erste Eckpunkte für die Pflegereform vorgelegt – doch digitale Lösungen bleiben nach Ansicht von Branchenvertreter:innen auf der Strecke. Laut dem Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung und mehreren Pflege-Startups, darunter Careship, Myneva und Nui Care, reichen die bisherigen Reformpläne nicht aus, um pflegende Angehörige zuverlässig zu entlasten.
In einer gemeinsamen Stellungnahme weisen die Organisationen auf zentrale Leerstellen hin: fehlende digitale Infrastruktur, unzureichende Präventionsansätze und stark fragmentierte Anerkennungsverfahren für Alltagshelfer:innen.
Im Mittelpunkt der Kritik steht das sogenannte „Pflege-Cockpit“, das nach Ansicht der Verbände hinter den tatsächlichen Erfordernissen zurückbleibt. Gefordert wird ein bundesweit einheitliches, digitales Entlastungsportal, das Ansprüche automatisiert anzeigt, Leistungen direkt buchbar macht und Abrechnungen vereinfacht. Der Entlastungsbetrag solle zu einer flexibel nutzbaren Geldleistung weiterentwickelt werden, die nicht verfallen kann und von anerkannten Anbieter:innen qualitätsgesichert erbracht wird.
Auch bei der Prävention sehen die Unterzeichner:innen Nachholbedarf. Digitale Präventionsangebote mit nachgewiesener Wirksamkeit hätten bislang keinen festen Platz in der Regelversorgung, so die Autor:innen der Stellungnahme. Erforderlich seien klare Qualitätsstandards, gesicherte Finanzierung und ein zentraler Zugang, damit digitale Prävention fester Bestandteil der Pflege werden könne.
In der Pflegeberatung erkennen die Verbände Fortschritte, weil der Entwurf Beratung als kontinuierlichen Prozess begreift. Es fehle jedoch eine gesetzliche Grundlage für hybride Modelle, die digitale Formate mit persönlicher Beratung verbinden. Digitale Pflegekurse, Telepflege und KI-gestützte Anwendungen könnten laut Verband Pflegekompetenzen stärken, Fehler vermeiden und Krisen vorbeugen. Dafür müsse die Integration in die §§ 45, 7, 7a und 37 (III) SGB XI rechtlich verankert werden.
Ein weiteres Defizit betrifft den häuslichen Infektionsschutz. Angesichts hoher Risiken fordern die Verbände ein bundesweites Schulungs- und Ausstattungsprogramm sowie den Erhalt des Sachleistungsanspruchs auf Infektionsschutzprodukte. Ziel sei es, unnötige Krankenhausaufenthalte und gesundheitliche Verschlechterungen bei Pflegebedürftigen zu vermeiden.
Das föderal zersplitterte Anerkennungssystem für Alltags- und Nachbarschaftshilfen wird als Innovationshemmnis bezeichnet. Sechzehn verschiedene Landesregelungen behinderten die Skalierbarkeit und erschwerten Angehörigen verlässlichen Zugang zu Leistungen. Ein bundesweit einheitlicher, digitaler Anerkennungsprozess sei deshalb unverzichtbar.
Abschließend fordern die Organisationen eine verbindliche Digitalstrategie für Pflegekassenprozesse. Eine digitale Pflegeakte, standardisierte Schnittstellen, Echtzeitinformationen über Budgets und automatisierte Prüfungen sollten zum Pflichtbestandteil werden. Digitalisierung dürfe nicht länger optional bleiben, sondern müsse die Basis der Reform bilden, so die Stellungnahme. (lon)
Mehr zum Thema: https://www.haeusliche-pflege.net/pflegeversicherung-vor-reformbedarf-experten-fordern-grundlegende-neuausrichtung/
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