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Erweiterte Pflegekompetenzen: Was die ambulante Pflege von anderen Ländern lernen kann

Ein Forschungsteam des IGES Instituts hat 67 internationale Studien zu erweiterten Rollen von Pflegefachpersonen in der ambulanten Versorgung ausgewertet. Das Ergebnis: Mehr Kompetenzen – vor allem in Koordination, Prävention und Teamleitung – können Versorgungsqualität und Arbeitszufriedenheit steigern. Deutschland hinkt hinterher.

Foto: AdobeStock/marqs

Pflegefachpersonen übernehmen in vielen Ländern längst Aufgaben, die in Deutschland noch als ärztliche oder organisatorische Domäne gelten. Wie groß das Spektrum dieser erweiterten Rollen inzwischen ist, hat ein Wissenschaftlerinnenteam des IGES Instituts in einem Scoping-Review systematisch aufgearbeitet. Die Überblicksarbeit wurde im wissenschaftlichen Online-Journal HeilberufeScience veröffentlicht und ist laut den Autorinnen die erste umfassende Untersuchung dieser Art zum Thema Kompetenzen und Aufgaben von Pflegefachpersonen in der ambulanten Primärversorgung und gemeindenahen häuslichen Pflege.

67 Studien, 74 erweiterte Aufgabenbereiche

Insgesamt flossen 67 nationale und internationale Publikationen in die Analyse ein – eine Zahl, die das Forschungsteam nach eigener Aussage als unerwartet hoch einstuft. Sie deute darauf hin, dass der kompetenzbasierte Einsatz von Pflegefachpersonen international weiter an Gewicht gewinne. Aus den ausgewerteten Studien destillierten die Forscherinnen 74 erweiterte Aufgaben- und Kompetenzbereiche. Knapp die Hälfte davon entfällt auf Koordinations- und Managementtätigkeiten – also auf die Steuerung komplexer Versorgungsprozesse, die gerade in der ambulanten Pflege mit ihren vielen Schnittstellen eine Schlüsselrolle spielen.

Fünf Rollen – eine dominiert

Die Analyse des IGES Instituts unterscheidet fünf zentrale Rollentypen: Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen, spezialisierte Gemeindepflege, Advanced Practice Nursing, spezialisierte Advanced Practice Nursing für bestimmte Zielgruppen sowie Pflegekoordinator:innen. Am häufigsten beschrieben wird die Rolle der Pflegefachperson mit erweiterten Kompetenzen – sie macht rund 43 Prozent der identifizierten Rollen aus. Typische Tätigkeitsfelder umfassen dabei neben der Versorgungskoordination auch präventive Aufgaben wie Beratung und Gesundheitsförderung, die Übernahme medizinischer Tätigkeiten sowie Leitungsfunktionen in multiprofessionellen Teams.

Positive Effekte – auch auf die Arbeitszufriedenheit

Laut der Überblicksarbeit berichten viele der untersuchten Studien über messbare Vorteile erweiterter Pflegerollen: Die Kontinuität der Versorgung verbessere sich, Krankenhausaufenthalte könnten reduziert und die Selbstständigkeit pflegebedürftiger Menschen gestärkt werden. Parallel dazu steige häufig die Arbeitszufriedenheit der Pflegefachpersonen – ein Effekt, den die Autorinnen vor allem auf größere Autonomie und klar definierte Verantwortungsbereiche zurückführen. Gerade für ambulante Pflegedienste, die unter Fachkräftemangel und hoher Fluktuation leiden, ist dieser Befund relevant.

Als zentralen Erfolgsfaktor für die Umsetzung solcher erweiterten Rollen benennt die Studie klar definierte Zuständigkeiten innerhalb der Versorgungsteams. Ohne eindeutige Rollenabgrenzung drohen laut den Forscherinnen Konflikte und Ineffizienzen.

Regulatorische Hürden als Bremsklotz

Die Autorinnen weisen allerdings auch auf erhebliche Hürden hin. International bestehen große Unterschiede bei Ausbildungsstandards, Kompetenzzuschnitten und rechtlichen Befugnissen von Pflegefachpersonen. Unklare Rollenbeschreibungen und fehlende gesetzliche Regelungen erschwerten die Umsetzung erweiterter Pflegeaufgaben – ein Problem, das in Deutschland besonders ausgeprägt ist, wo viele Tätigkeiten weiterhin an den Arztvorbehalt gebunden sind.

Um das Potenzial erweiterter Pflegekompetenzen tatsächlich zu nutzen, empfiehlt das Forschungsteam zweierlei: den Abbau regulatorischer Hürden und gezielte Investitionen in Aus- und Weiterbildungsangebote für Pflegefachpersonen.

Die vollständige Studie von Hahnel, Oehse, Engelmann et al. (2026) ist frei zugänglich im Journal HeilberufeScience erschienen: https://rdcu.be/e7MAS