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Viele Hochbetagte nehmen fünf oder mehr Dauermedikamente
Forschende sehen einen klaren Zusammenhang zwischen dem demografischen Wandel und der Zunahme komplexer, teurer Arzneimitteltherapien bei älteren Menschen – mit Folgen für Sicherheit, Kosten und Personal.
Laut den Autor:innen Petra A. Thürmann, Veronika Bencheva und Sven Schmiedl zeigt sich in Deutschland eine deutliche Zunahme multimorbider Patient:innen, die dauerhaft mehrere Medikamente einnehmen. Bereits rund 70 % der über 65‑Jährigen leiden laut Robert Koch-Institut an mindestens zwei chronischen Erkrankungen. Folge ist eine erhebliche Zunahme der sogenannten Polypharmakotherapie – häufig fünf oder mehr Dauermedikamente –, die mit steigenden Risiken für Wechselwirkungen und Nebenwirkungen verbunden ist. Etwa acht Prozent aller Krankenhausaufnahmen gehen laut Thürmann und Kolleg:innen auf arzneimittelbedingte Ereignisse zurück, besonders häufig bei hochbetagten Menschen mit Mehrfachmedikation.
Nach Daten von AOK und Robert Koch-Institut wird die Zahl der über 67‑Jährigen bis 2040 auf mehr als 20 Millionen steigen; gleichzeitig wächst die Gruppe der Hochbetagten über 80 Jahre besonders stark.
Die Quelle verweist darauf, dass Polypharmazie nicht allein auf demografische Verschiebungen beruht, sondern auch auf veränderte Leitlinien. So hat sich etwa bei der Behandlung von Herzinsuffizienz die Zahl der empfohlenen Medikamente pro Patient:in im letzten Jahrzehnt verdoppelt. Neue Wirkstoffklassen, etwa SGLT2‑Inhibitoren oder Kombinationen wie Sacubitril/Valsartan, tragen zur Kostensteigerung bei – 157 Millionen definierte Tagesdosen im Jahr 2023 bei über vier Euro je Tagestherapie. Ähnliche Entwicklungen finden sich beim Diabetes mellitus Typ 2: Die Zahl der betroffenen Menschen stieg in Deutschland von rund 6 Millionen (2003) auf etwa 10 Millionen (2024). Gleichzeitig dominieren teure Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen (GLP‑1‑Rezeptoragonisten, SGLT2‑Inhibitoren) die Verordnungsentwicklung, während klassische Präparate wie Sulfonylharnstoffe zurückgehen.
Zusätzlich verschärft Adipositas die Situation. Sie gilt als Risikofaktor für Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen und Diabetes und betrifft laut Wissenschaftlichem Institut der AOK bereits über zehn Prozent der Bevölkerung – mit wachsender Tendenz. Neu zugelassene Adipositas‑Therapien, ursprünglich Diabetesmedikamente, wie Semaglutid, wurden binnen kurzer Zeit stark nachgefragt und führten teils zu Lieferengpässen.
Thürmann et al. betonen die Notwendigkeit, Arzneimittelentscheidungen stärker zu individualisieren. Viele Leitlinien beruhen auf Studien mit jüngeren Patient:innen; ihre Übertragbarkeit auf hochbetagte Menschen sei begrenzt. Der Ansatz des „Deprescribing“ – gemeinsames, strukturiertes Absetzen nicht mehr indizierter Medikamente – wird als zentraler Bestandteil einer sicheren und wirtschaftlichen Pharmakotherapie im Alter diskutiert. International zeigten Studien, dass gezieltes Reduzieren weder Schaden verursacht noch Therapieergebnisse verschlechtert, in Einzelfällen sogar die Lebensqualität verbessert.
Der 128. Deutsche Ärztetag 2024 forderte laut Quelle, Deprescribing‑Strategien in Informations‑ und Fortbildungsprogramme aufzunehmen. Zugleich mahnen Fachgesellschaften, Arzneimittelpreise stärker am tatsächlichen Gesundheitsnutzen auszurichten und Prävention zu fördern. Gesundheitsökonomische Analysen zeigen: Eine bewusste Investition in Präventionsprogramme, Ernährungsbildung oder Bewegungsförderung kann die späteren Arzneimittelkosten deutlich senken.
Quelle: Thürmann P.A., Bencheva V., Schmiedl S. (2025): Demographischer Wandel: Angemessene Arzneimittelversorgung einer alternden Bevölkerung. In: Schröder H., Thürmann P.A., Thiede M., Enners S., Busse R. (Hrsg.) Arzneimittel-Kompass 2025. Springer, Berlin Heidelberg. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-72460-6_3
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