Pflege und Politik

„Würde der Pflegegrad 1 abgeschafft, müsste ich sofort zehn Mitarbeiter entlassen“

Die in der Regierungskoalition diskutierte mögliche Abschaffung des Pflegegrads 1 hat an der Basis der Pflegeunternehmen gemischte Reaktionen ausgelöst. Einige Pflegedienste haben offenbar einen wichtigen Teil ihres Geschäftes auf diesen Pflegegrad ausgerichtet.

Bild: Adobe Stock/M. Schuppich

Der Pflegegrad 1 sei „bei uns im Pflegedienst mittlerweile ein Gamechanger“, schreibt ein Pflegedienstinhaber in der geschlossenen Facebook-Community der Redaktion Häusliche Pflege. Das Unternehmen mache mit den Leistungen des sogenannten Entlastungsbetrages einen guten Umsatz. „Würde der Pflegegrad 1 abgeschafft, müsste ich sofort zehn Mitarbeiter entlassen“, so der Geschäftsführer.

Andere Leitungskräfte hätten dagegen offenbar nichts einzuwenden. „Der Pflegebedarf ist so minimal, und kein Pflegegrad 1, den wir kennengelernt haben, hatte einen wirklichen Bedarf. Niemand wollte regelmäßige Beratung“, heißt es in einem weiteren Kommentar.

Ob der Vorschlag, der aus Kreisen der CDU kommt, tatsächlich umgesetzt wird, ist noch offen. In der schwarz-roten Koalition wird nach einem Medienbericht über eine mögliche Abschaffung diskutiert. Hintergrund sind Zweifel, ob die mit Pflegegrad 1 erfasste Personengruppe überhaupt Leistungen der Pflegeversicherung benötigt. Die Pflegepolitische Sprecherin der CDU, Simone Borchardt, hatte bereits kurz nach der Bundestagswahl bei mehreren pflegepolitischen Veranstaltungen gesagt, dass sie den Pflegegrad 1 für überflüssig halte.

Starker Zuwachs bei Pflegegrad 1

Pflegegrad 1 wurde im Zuge der Pflegereform 2017 eingeführt, um auch Menschen mit geringeren Einschränkungen Zugang zu Leistungen zu ermöglichen. Seitdem hat die Zahl dieser Einstufungen stark zugenommen. Nach aktuellen Daten von Medicproof (Stand 2024) stieg der Anteil der Personen, die nach einem Erstantrag 2023 einen Pflegegrad 1 erhielten, auf 24 Prozent – 2019 lag dieser Wert noch bei 20 Prozent.

Das Wachstum zeigt sich vor allem in der ambulanten Versorgung: Die Zahl der Einstufungsgutachten hat sich hier in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt – von 94.222 im Jahr 2014 auf 194.385 im Jahr 2023. In stationären Einrichtungen hingegen nahm die Zahl der Gutachten leicht ab.

Gutachter sehen geringe Pflegebedarfe

Laut einer Befragung der mehr als 1.200 Medicproof-Gutachterinnen und -Gutachter erhoffen sich die meisten Antragstellenden mit Pflegegrad 1 vor allem finanzielle Unterstützung (66 Prozent). Nur 16 Prozent hätten ein Interesse an professioneller Pflege. Mehr als 80 Prozent der Gutachter sind der Ansicht, dass eine Ausweitung der Pflegeversicherung auf weitere Personengruppen nicht notwendig sei. 36 Prozent gehen sogar so weit zu sagen, dass Personen mit Pflegegrad 1 überhaupt keine Leistungen der Pflegeversicherung benötigten.

Ältere Versicherte profitieren

Typisch für Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1 ist, dass sie im Schnitt älter sind als andere Pflegebedürftige: Bei einer Erstbegutachtung liegt das Durchschnittsalter bei fast 79 Jahren. Sie sind in vielen Bereichen des Alltags noch selbständig, benötigen aber punktuelle Unterstützung, etwa bei der Haushaltsführung. Fast alle (99 Prozent) leben im eigenen Zuhause, meist allein oder mit einer weiteren Person, und werden überwiegend durch Angehörige betreut.

Politische Debatte offen

Ob die Regierungskoalition den Schritt tatsächlich geht, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Für einen Teil der Pflegedienste ist Pflegegrad 1 inzwischen ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor geworden – während andere Stimmen die Leistungen für diese Gruppe als überflüssig ansehen.