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Häusliche Pflege kostet Angehörige bis zu 7.400 Euro monatlich
Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum offenbart erstmals das Ausmaß der finanziellen Belastung für pflegende Angehörige. Sozialverbände sprechen von einer „skandalösen Schieflage“ im deutschen Pflegesystem.
Während die Eigenanteile in Pflegeheimen regelmäßig politisch debattiert werden, blieben die tatsächlichen Kosten der häuslichen Pflege bislang weitgehend im Dunkeln. Eine Analyse der Pflegewissenschaftlerin Prof. Notburga Ott von der Ruhr-Universität Bochum liefert nun erstmals Schätzungen zu den verdeckten Eigenanteilen, die Familien bei der Pflege zu Hause tragen müssen.
Laut der Studie reichen diese Eigenanteile von 340 Euro bis zu 7.441 Euro pro Monat. Der Median liegt bei 2.085 Euro – das bedeutet, dass die Hälfte aller häuslich gepflegten Personen und ihrer Angehörigen monatlich mehr als 2.000 Euro an Eigenleistung erbringen. Zum Vergleich: In bayerischen Pflegeheimen liegt der durchschnittliche Eigenanteil laut Wissenschaftlichem Institut der AOK bei 2.558 Euro, im ersten Aufenthaltsjahr sogar bei 3.196 Euro.
Unbezahlte Arbeit wird sichtbar gemacht
Die Pflegewissenschaftlerin hat für ihre Berechnungen Befragungsdaten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK ausgewertet. Demnach wenden pflegende Angehörige im Durchschnitt 49 Stunden pro Woche für Pflegetätigkeiten auf – die Bandbreite reicht von unter acht bis über 100 Stunden. Diese unbezahlte Pflegearbeit bewertete Ott mit dem Mindestlohn einer qualifizierten Pflegehilfskraft und rechnete die Geldleistungen der Pflegeversicherung gegen.
Der entscheidende Unterschied zur stationären Pflege: Während dort alle Kosten transparent erfasst werden, weil ausschließlich professionelle Kräfte arbeiten, fehlt für die häusliche Pflege jede systematische Datengrundlage. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Leistungsansprüche für die ambulante Pflege „keine empirische Fundierung“ haben.
Sozialverbände fordern Umdenken
Der Bundesverband „Wir pflegen e.V.“ sieht in den Ergebnissen ein Schlaglicht auf eine „skandalöse Schieflage“. Vorständin Nicole Knudsen kritisiert: „Die tatsächlichen, oft existenzbedrohenden Lasten der häuslichen Pflege dagegen bleiben unbeachtet und ungewürdigt.“ Während die Eigenanteile in Pflegeheimen transparent geregelt und politisch diskutiert würden, gebe es für die häusliche Pflege keine vergleichbare Aufmerksamkeit.
Auch der Sozialverband VdK beklagt gegenüber dem BR eine Ungleichbehandlung. Der gesetzliche Grundsatz „ambulant vor stationär“ werde seit Einführung der Pflegeversicherung verletzt. Dass vier von fünf Pflegebedürftigen zu Hause versorgt würden, gelinge nur, „weil Angehörige nicht streiken können und auch nicht würden“, so der VdK.
Milliardenwert der informellen Pflege
Die Dimension der häuslichen Pflege ist erheblich: 86 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt, größtenteils von rund sieben Millionen pflegenden Angehörigen. Laut „Wir pflegen e.V.“ wurde der wirtschaftliche Wert dieser unbezahlten Pflegearbeit für 2025 auf über 206 Milliarden Euro jährlich berechnet. Dem standen 2023 lediglich 16,2 Milliarden Euro an Pflegegeld gegenüber.
Der Bremer Gesundheitsökonom Prof. Heinz Rothgang bestätigt diese Schieflage gegenüber MDR Aktuell: „Wirklich gesamtgesellschaftlich kostengünstig sind ambulante Settings nicht. Der gesetzlich festgeschriebene Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ zahlt sich daher vor allem für die Pflegeversicherung aus.“ Der Wert der informell erbrachten Pflege entspreche mehr als dem Dreifachen der Gesamtausgaben der Pflegeversicherung.
Politik arbeitet an Reform
Die Bundesregierung bereitet derzeit eine Pflegereform vor. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe hat Ende 2025 Vorschläge vorgelegt, Einzelheiten und ein genauer Zeitplan stehen laut BR24 jedoch noch nicht fest. Der CSU-Fraktionsvorsitzende Klaus Holetschek forderte anlässlich der Studie, dass pflegende Angehörige „ins Herz der Pflegereform“ gehörten. Sie seien „das Rückgrat unserer Pflege“ und verdienten „weniger Bürokratie, flexible Budgets und verlässliche Tages- und Kurzzeitpflege“. Rentenpunkte für Pflegende müssten steuerfinanziert werden.
Der Verband „Wir pflegen e.V.“ kritisiert jedoch, dass auch der Bericht der Arbeitsgruppe die Ungleichbehandlung fortsetze. Die Pflegeversicherung messe Belastung „fast ausschließlich in finanziell entlohnten Pflegeleistungen der Pflegeanbieter“ und übersehe systematisch die unbezahlte Arbeit von Angehörigen.
Rothgang mahnt gegenüber MDR Aktuell zur Eile: „Wenn bis zur Sommerpause nicht wirklich was angeschoben wird, wird wahrscheinlich in dieser Legislatur nichts mehr passieren.“
Die Studie „Pflegegrade, Leistungsansprüche, Eigenanteile – wie gerecht ist die Soziale Pflegeversicherung?“ ist auf der Webseite der Ruhr-Universität Bochum verfügbar.
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