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„Das gesamte System ist darauf aufgebaut, Dienstleister in der Pflege zu diskreditieren“
Michael Wessel führt seit drei Jahrzehnten einen ambulanten Pflegedienst in Wuppertal. Im Rückblick beschreibt er Konkurrenzdruck, Personalfluktuation und systemische Hürden, die viele Wettbewerber zum Aufgeben gezwungen haben. Von einst über 70 Pflegediensten in Wuppertal seien nur noch eine Handvoll übrig.
„Wir haben zu einer Zeit begonnen, als es wenige Patienten und viele Pflegedienste gab“, blickt Wessel zurück. Der Konkurrenzkampf war groß. „Wenn man neue Mitarbeiter einstellte, brachten die zwar komplette ambulante Touren von ihrem vorherigen Arbeitgeber mit – aber uns konnte jederzeit das gleiche passieren.“ Pflegekräfte sind immer die Ansprechpartner für Patienten – wechseln sie den Job, gehen die Patienten mit. „Ich bin jahrelang mit der Sorge ins Bett gegangen, ob ich am nächsten Morgen den Betrieb noch habe“, gesteht Wessel. Auch die Fortbildung von Mitarbeitern zu Pflegedienstleitungen war kein Garant dafür, dass sie dem Unternehmen treu blieben. „Viele haben sich direkt danach selbstständig gemacht und waren plötzlich neue Konkurrenten. Das war eine sehr belastende Zeit.“
Also brauchte es weitere Säulen, auf denen das Unternehmen bis heute steht: Wessel eröffnete Pflege-Wohngemeinschaften für Demenzkranke, später auch selbstverantwortete Wohngemeinschaften für schwerbehinderte junge Menschen. „Damit haben wir eine andere Mitarbeiterbindung ans Unternehmen erreicht.“ Dennoch: „Man überlegt jeden Tag, was passiert denn heute wieder?“ Job-Hopping für ein bisschen mehr Geld hat die Branche bis zur Einführung der Tarifpflicht 2022 bestimmt. Seitdem die Gehälter überall angeglichen sind, zählen andere Aspekte. Wie beispielsweise der Wohlfühlfaktor in den jeweiligen Teams, Dienstwagen zur privaten Nutzung, flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien.
„Von den mehr als 70 Pflegediensten, die in den 90er-Jahren in Wuppertal gegründet wurden, gibt es heute nur noch eine Handvoll. Viele haben aufgegeben, verkauft, fusioniert oder Insolvenz angemeldet.“ Hat Michael Wessel jemals ans Aufgeben gedacht? „Nein. Niemals. Aber die Jahre machen mürbe. Das System sorgt dafür, dass Unternehmer es auch mental nicht länger als 25 bis 30 Jahre schaffen. Wegen überbordender Bürokratie, geschäftsschädigender Denunziationen, der ständigen Vorwürfe aus Politik und Medien, die einen permanent in die Rechtfertigungsposition drängen. Das gesamte System ist darauf aufgebaut, Dienstleister in der Pflege zu diskreditieren und ihnen Betrug nachzuweisen.“ Dabei versorgen privat geführte ambulante Pflegedienste etwa die Hälfte aller Pflegebedürftigen in Deutschland.
Dass man jeden Tag mit einer Überprüfung rechnen muss, belaste ebenfalls: „Die ist immer mit Angst verbunden, ob alles korrekt abgezeichnet und dokumentiert worden ist. Unser Unternehmen hat rund 300 Mitarbeiter. Natürlich passieren Fehler.“ Zudem sei es eine Mär, dass der Medizinische Dienst immer nur eine wohlwollende und beratende Funktion habe, erläutert Wessel. „Diese Überprüfungen haben sich übrigens bis vor Kurzem noch um 16 Uhr per Fax für den nächsten Tag angekündigt. Wohl dem, der nach 16 Uhr noch in sein Faxgerät geguckt hat.“ Das Motto des Unternehmers Michael Wessel: „Wenn du morgens 9 Uhr überstanden hast, wird es ein halbwegs guter Tag.“
Inzwischen hat Wessel 30 Jahre überstanden. Und steckt mit ungebremstem Eifer in der Planung neuer Wohngemeinschaften, dem Ausbau der 24-Stunden-Assistenzen und seines ambulanten Wundzentrums am Hauptsitz der Firma am Oberdörnen in Barmen. Woher er die Energie nimmt? „Man stumpft ab im Kopf. Zum Glück muss ich seit einigen Jahren nicht mehr selbst an Überprüfungen teilnehmen, dafür habe ich qualifizierte Mitarbeiter. Und mit den bürokratischen und systemischen Hürden kämpfen ja beispielsweise auch Gastronomen, Einzelhändler und andere Dienstleister. Man lernt, dafür zu sorgen, dass die positiven Dinge und Erfolge überwiegen.“
Öffentliches Jubiläums-Event bei Pflege Wessel, Oberdörnen 90 in Wuppertal-Barmen, am Samstag, 20. Juni, ab 14 Uhr mit Essen, Eis, Getränken, Musik und einem bunten Unterhaltungsprogramm für Familien mit Kindern, Tag der offenen Tür für Besucher sowie Festakt für geladene Gäste in der Kunsthalle. Weitere Informationen und Zeitplan unter www.pflege-wessel.de
2 Kommentare
Lieber Herr Wessel, ich bin seit 1996 in der ambulanten Pflege tätig. Bis 2008 als angestellter Pflegedienstleiter und seitdem mit menem kleinen Pflegedienst selbstständig. Vielen herzlich Dank für den super Artikel, den ich bedenkenlos so unterschreibe, denn es geht mir nicht anders! Täglich Existenzängste, Sorgen um ausreichend MitarbeiterInnnen, den völlig überflüssigen und teuren Prüfungen durch den MD, die, auch aus meiner Erfahrungen in keine Weise auf Augenhöhe und beratend diese Prüfungen vollziehen. Im Gegenteil: es wird so lange gesucht, bis ein Fehler gefunden wurde und von oben herab die Gespräche führen, als wenn sie die Weisheit mit Löffeln gerfressen haben. Die überbordende Bürokratie mit den Kostenträgern, warten auf pünktliche Bezahlung von Pflege- und Krankenkassen.
Ferner die ellenlangen Wartezeiten auf die Bewilligung der Hilfe zur Pflege von den Sozialämtern. Es gibt so viel zu reformieren, um uns das tägliche arbeiten wesentlich zu erleichtern. Stattdessen werden die Prüfungen noch internsiver und wir werden als potentielle Betrüger behandelt. Herzlichen Dank lieber Kollege. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute! LG aus Hamburg Andreas Habermann
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