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„Wir hatten noch nie so viel Personal“: 63 katholische Träger wollen mehr Flexibilität
Das württembergische „Netzwerk Alter und Pflege“ appelliert an die künftige Landesregierung, die Pflege im Koalitionsvertrag zu verankern. Die 63 katholischen Träger fordern erweiterte Entscheidungsbefugnisse für Pflegefachpersonen, einen Abbau dokumentationslastiger Vorschriften und eine stärkere Ausrichtung der Versorgung an Teilhabe, Bildung und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Die Träger der katholischen Altenhilfe in Württemberg verlangen von der nächsten baden-württembergischen Landesregierung eine entschlossene Stärkung der Pflege. Bei der jährlichen Versammlung des „Netzwerks Alter und Pflege“ verwiesen die Sprecher:innen Pia Theresia Franke, Vorständin der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung, und Boris Strehle, Leiter der Altenhilfe der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn, auf einen Personalstand wie nie zuvor. Engpässe entstünden laut Franke und Strehle auch deshalb, weil Fachkräfte nicht flexibel genug mit den zu betreuenden Menschen arbeiten könnten.
Mehr Eigenverantwortung statt zusätzlicher Vorschriften
Die Sprecher:innen plädieren dafür, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen. Pflegefachpersonen seien hochqualifiziert und könnten in klar definierten Bereichen mehr Verantwortung übernehmen. Während die Diagnose in ärztlicher Verantwortung bleiben solle, könnten Leistungen stärker eigenverantwortlich durch Pflegefachpersonen erbracht werden. Als Beispiel für überflüssige Bürokratie nennt das Netzwerk in seinem Positionspapier die Pflicht von Pflegeheimen, auch bei irreversibler Inkontinenz regelmäßig Folgeverordnungen einzureichen.
Teilhabe, Bildung und Lebensqualität als Maßstab
Pflege dürfe sich nicht auf die reine Versorgung beschränken, sondern müsse Bildung und soziale Teilhabe einschließen, so Franke und Strehle. Zur Teilhabe gehöre heute auch der Zugang zum Internet. Das Wissen über Prävention und Krankheitsbilder wie Demenz wachse stetig – diese Erkenntnisse müssten in die Praxis einfließen. Das Netzwerk fordert die Landesregierung auf, Förderstrukturen für den Wissenstransfer aus Forschung und Psychologie in die Pflegepraxis auszubauen, insbesondere bei Demenz und der Prävention von Einsamkeit.
Die „Big Five“ der Caritas Baden-Württemberg
Im Positionspapier der Caritas Baden-Württemberg vom November 2025 sind fünf Handlungsfelder skizziert:
- Vertrauen statt Vorschrift: erweiterte Entscheidungsbefugnisse für Fachkräfte etwa bei Maßnahmenwahl und Medikamentenabsprachen in der häuslichen Versorgung sowie praxistauglichere Dokumentationssysteme.
- Digital, aber menschlich: verlässliche Finanzierung digitaler Infrastruktur auch für kleinere Träger, Förderung von mobiler Visite, Notrufsystemen und Sturzpräventions-Sensorik sowie Schulungen zum ethischen Umgang mit Technik.
- Innovation ermöglichen: wirtschaftliche Stabilisierung als Innovationsgrundlage, Abrechnung nach Zeitaufwand statt starrer Leistungspakete – erprobt im Modell „IstZeitPflege“ – sowie regionale Pflegeforschungsnetzwerke.
- Menschen gewinnen und halten: beschleunigte Anerkennungsverfahren für internationale Fachkräfte, refinanzierte Sprachkurse, Mentoring sowie eine stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis bei der Akademisierung.
- Raum für Pflege schaffen: standardisierte Genehmigungsverfahren, Pflegebauleitlinien auf Landesebene und realistische Investitionsförderung auch für kleinere und kirchliche Anbieter von Quartiershäusern, Pflege-WGs oder Mehrgenerationenmodellen.
Angebot zur Zusammenarbeit
Als Ansatzpunkte zur Versorgungssicherheit nennt das Papier den Aufbau lokaler Care-Management-Strukturen, präventive Hausbesuche, Telepflege und digitale Beratung sowie eine stärkere Beratungsfunktion von Pflegefachkräften gegenüber pflegenden Angehörigen. Quartiersentwicklung und kommunale Altenhilfeplanung sollen verzahnt werden.
Das Netzwerk bietet der künftigen Landesregierung eine enge Zusammenarbeit an und fordert sie auf, eine klare Koordinationsrolle einzunehmen. „Wir wollen Versorgungssicherheit aktiv gestalten“, so Strehle und Franke. Im Netzwerk haben sich 63 katholische Träger der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit 259 Einrichtungen und rund 13.000 Mitarbeitenden zusammengeschlossen.
Das vollständige Positionspapier „Zukunft der Pflege“ der Caritas Baden-Württemberg ist hier abrufbar.
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